Kapitel 5 - Ein unverfänglicher Auftrag

Mei-Lin arbeitete kurz nach Sonnenaufgang ihr Tagwerk begonnen, erst hatte sie ihren Vater geholfen und dann die neu gefärbten Stoffe zu sich in die Schneiderei gebracht. Kein Kunde hatte sich heute in ihr Geschäft verirrt und so hatte sie nur den letzten Auftrag beendet und sich dann einfacher Kleidung zugewandt, welche man mal auf die schnelle kaufen würde. Langsam näherte sie die Sonne dem Horizont und sie begann langsam die Sachen zusammen zu räumen. Für heute hatte sie genug und sie musste dringend ins Bett, die letzten beiden Nächte forderten ihren Preis, sie war es nicht gewöhnt so wenig zu schlafen. Sie gähnte und ging die Sachen hineinräumen, welche sie vor ihrem Laden stehen hatte. Ein Gewand, welches sie hinaus gestellt hatte für die Kundschaft, welche nicht lesen konnte und die Tafeln mit den Preisen für alle anderen.

Kaum war die Sonne hinter dem Horizont verschwunden, erhob Santura sich in einer einzigen geschmeidigen Bewegung von ihrem Lager. Ihre innere Uhr weckte sie meist pünktlich, doch heut kam auch noch eine leichte Unruhe dazu. Würde sie immer so nervös sein, nachdem sie die Verantwortung für das Leben von Mei-Lin übernommen hatte? Doch ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen, zog sie sich ein einfaches, langärmliges Kleid - heute ausnahmsweise in dunklem Rot - an und begab sich auf die Straße. Für heute hatte sie sich vorgenommen, die Asiatin einmal bei sich zu Hause zu besuchen, unter dem Vorwand, ein neues Kleid zu benötigen. So konnte sie wenigstens gleich kontrollieren, wo die andere lebte und vor allem auch, wie sicher es dort wirklich war, schließlich konnten nicht nur Krankheiten einen Menschen töten. So sah die Jägerin gerade, als sie ankam, wie das junge Mädchen vor ihrem Laden aufräumte und trat rasch aus dem Schatten, in dem sie sich schon automatisch verborgen hatte und begrüßte die Andere, als hätten sie sich noch nie zuvor gesehen: "Seid mir gegrüßt."

Mei-Lin erkannte den Dialekt und drehte sich langsam um, es war tatsächlich Santura, ein Lächeln stahl sich kurz in ihr Gesicht, dann überlegte sie kurz und kam zu dem Schluss, das die Andere sie im Moment hier auf der Straße nicht kennen wollte. Sie verneigte sich höflich und sah sie freundlich an. "Ehrenwerte Reisende aus fernen Landen, wie kann ich euch helfen?"

Erfreut lächelte die Tochter der Nacht leicht - anscheinend hatte Mei-Lin verstanden, was sie wollte. Was wohl auch besser so war, bedachte man, dass ihr Vater nichts davon wissen sollte, wie die Asiatin die letzten beiden Abende verbracht hatte - oder mit wem. So verneigte sich auch die Vampirin und meinte dann, "Verzeiht - aber seid ihr die Schneiderin hier? Man hat mir dieses Haus empfohlen, falls ich neue Kleidung brauche."

Mei-Lin sah erstaunt auf die "Fremde" und die Besitzer einiger Nachbarläden blicken auch schon neugierig zu ihnen hinüber. "Ihr ehrt mich, ehrenwerte Dame.", erneut verneigte sie sich, "Mein Name ist Cha und ich bin eine der Schneiderinnen dieses Viertels." Sie überlegte, wie sie es sagen konnte, denn wenn man nach Sonnenuntergang arbeitete, war das hier nicht gern gesehen, es sei denn, man hätte einen guten Grund. "Wenn ihr Kleidung benötigt, bin ich gerne bereit euch morgen zu beraten und euch auch, solltet ihr spezielle Wünschen haben, auch diese versuchen zu erfüllen."

In diesem Moment kam ihr Vater vorbei und schien ein Ohr auf das Gespräch seiner Tochter zu haben. Er nickte ihr kurz zu und ging dann weiter die kleine Gasse entlang – wie jeden Abend würde er nun in das Teehaus zwei Straßen weiter begeben und sich dort mit Freunden treffen, danach würde er in das grüne Haus mit den goldenen Drachen zurückkehren – in dem sich auch ihr kleiner Laden befand – und sich zur Ruhe begeben.

Mei-Lin verneigte sich zu ihrem Vater und wandte sich dann wieder der Dame zu. Sie grübelte über die Farbwahl mach - Rot, die höchste Farbe des Glückes, der Freude und Liebe, aber auch die des Feuers und das konnte, wenn man nicht darauf achtete, verbrennen und zerstören. Doch die Dunkelheit der Farbe verriet ihr auch die Tiefe der Gedanken. Mei-Lin konnte sich nicht vorstellen, das ihrer Bekannten die Hoffnung fehlte oder sie düsteren Stimmung war. Mei-Lin lächelte über die heutige Farbwahl von Santura.

Das Gesicht von Mei-Lin verriet einiges über ihre Überlegungen und Santura wurde bewusst, dass sie wohl zu einem ungünstigen Zeitpunkt mit ihrem "Kleiderwunsch" gekommen war – dennoch war es ihr nicht möglich tagsüber hierher zu kommen – auch wenn die Andere den genauen Grund, wenn irgend möglich, nie erfahren durfte. Einen kurzen Blick hatte sie auch auf den Vater des Mädchens geworfen - die offensichtliche Ähnlichkeit, was die Gesichter betraf sprach jedenfalls dafür, dass es ihr Vater war - und diesen dann als unwichtig abgetan. Er würde wahrscheinlich nichts davon mitbekommen, dass sie keineswegs geschäftlich hier unterwegs war. Doch die Jägerin war sich auch im Klaren, dass sie der Schneiderin eine Antwort liefern musste - und eine gute Ausrede, so begann sie nach einer leichten Verbeugung zu sprechen, "Leider ist es mir nicht möglich, tagsüber hier her zu kommen, da mich andere Pflichten binden. Wenn ich im Moment ungelegen komme, bin ich jedoch gerne bereit, so dies möglich ist, einen anderen Abend wieder zu kommen." Auch der Tochter der Nacht waren die neugierigen Gesichter der Umstehenden nicht entgangen und so hatte sie vorsichtshalber ihre Stimme etwas erhoben. Nicht so laut, dass es auffallen würde, aber doch laut genug, dass jeder der wollte sie genau verstehen konnte.

Mei-Lin schien zu überlegen und verneigte sich dann, "Wir könnten heute zumindest noch besprechen, was ihr wünscht und wenn es euch recht ist, werde ich es für morgen Abend der Wache mitteilen, dass ich länger arbeite." Hier musste es der Wache gemeldet werden, wenn man seinem Handwerk nach Sonnenuntergang nachging, sonst konnte es zu Problemen kommen, aber gegen eine Unterhaltung durfte nichts einzuwenden sein. Die anderen Ladenbesitzer schlossen ihre Geschäfte und langsam leerte sich die Straße.

Santura nickte, nachdem sie so tat, als hätte sie kurz überlegt und bat die Andere dann mit einer kurzen Geste voran zu gehen und ihr den Weg zu zeigen. Um die Menschen rund herum kümmerte sie sich nicht weiter, nachdem diese ihre Neugier zu genüge gestillt hatten und so verschwanden die beiden im Haus der Familie Cha.

Mei-Lin hob eine Augenbraue und versteifte sich etwas, das war ja schon fast der Gipfel an Unhöflichkeit, aber gut, sei es drum. "Bitte folgt mir in meinen Laden." Mit diesen Worten dreht sie sich um und ging die beiden Stufen hinauf in die Werkstatt, im Vorbeigehen nahm sie das letzte Schild mit hinein. Was ihren Nachbarn sehr deutlich zeigte, was sie im Moment von der Fremden hielt und diese würden sich bestimmt darüber auslassen. Drinnen stellte sie das Schild an seinen Platz und geht an die Seite. "Ich muss die Tür nach euch schließen." Drinnen beleuchten ein paar Kerzen den Raum, in dessen vorderen Teil viele verschieden Kleidungstücke hängen und im hinteren Teil sieht man einen flachen Tisch und jede Menge Stoffbahnen in den verschiedensten Farben.

Die Körpersprache des Mädchens sprach Bände - ganz offensichtlich hatte Santura gerade etwas falsches getan oder gesagt. Wenn sie nur wüsste, was... Mit einem Kopfschütteln vertrieb sie jedoch diesen Gedanken wieder und hoffte, dass Mei-Lin ihr erklären würde, wo der Fehler lag - schließlich wusste diese, dass sie noch lange nicht alle Sitten und Gebräuche hier kannte. Dann jedoch warf die Jägerin einen Blick auf den Raum, in dem sie sich nun befanden, und beinah wider Willen war sie beeindruckt von der Menge an Stoffen und Farben die sich ihr auftat - offensichtlich nach irgendeinem Muster geordnet, dass sich ihr jedoch nicht ganz erschloss. "Danke, dass Ihr mich heute noch empfangen habt - und verzeiht, wenn ich irgend etwas falsch gemacht habe..." Fragend hob Santura ihre Augenbraue.

Mei-Lin schloss die Tür und löschte das Licht, welches anzeigte, das in diesem Haus gearbeitet wurde, dann drehte sie sich zu der Fremden um und führte sie in den hinteren Teil des Ladens, an den kleinen Tisch und zog einen schweren Vorhang hinter ihnen zu. "Ich freue mich, das ihr mich besuchst." Sie lächelte die Dame an und dann bot sie ihr ein Sitzkissen am Boden an. "Ich will die Frage gerne beantworten. So wie ihr vorhin die Geste vollführtet, habt ihr euch quasi selber in das Haus eingeladen – so etwas gilt als unhöflich. Der Besitzer oder ein Bewohner des Hauses dürfen euch hineinbitten. Tee?"

Gelenkig setzte sich die Tochter der Nacht auf eines der Kissen und verkreuzte ihre Beine, ohne dass jedoch zuviel von ihrer weißen Haut zu sehen war. Auf dir Frage ob sie Tee wollte, antwortete sie mit einem leichten Nicken, doch ihre Worte galten eher der Erklärung von Mei-Lin über den Bruch der Etikette, "Nochmals - verzeiht. Wo ich herkomme, ist es ein Zeichen von Ehrerbietung, jemanden voran gehen zu lassen..." Die dunkelblauen Augen der Europäerin glitten jedoch während dieser Worte über Mei-Lin - fast als wollte sie sich selbst überzeugen, dass die andere lebte. Jeden Tag würde sie sich so mit ihren eigenen Augen überzeugen. Würde sicher gehen, dass nichts passierte. Immer noch steckte das gestrige Erlebnis in den Knochen von Santura und sie hatte nicht vor zu schnell zu vergessen.

Mei-Lin lauschte den Worten und nahm sie in sich auf, fremde Kulturen hatte fremde Sitten und sollte sie jemals in das Land von Santura kommen, würde sie sich umstellen müssen. "Einen Moment, ich hole schnell den Tee, so lange könnt ihr euch gern den Stoff ansehen." Sie lächelte und ging durch eine kleine Tür, welche wohl in den Rest des Hauses führte, aus den Raum hinaus.

So schnell, wie sie sich gesetzt hatte, erhob sich die Vampirin auch wieder aus ihrer Position und mit der Erlaubnis von Mei-Lin nahm sie sich nun die Zeit, die einzelnen Stoffe anzuschauen. Teilweise wirkten sie so, als wären sie für einfache Kleider gemacht, praktisch zum Anziehen, aber sicher nichts schönes. Nur ein Stoff faszinierte die Jägerin besonders, es war ein tiefschwarzer und doch irgendwie glänzender Stoff, leicht wie Seide und doch wirkte es irgendwie fester. Santura hatte so etwas noch nie zuvor gesehen - und so stand sie, immer noch in die Betrachtung dieses Stoffes versunken als Mei-Lin mit dem Tee zurück kam.

In der Küche hatte sie rasch einen Kessel mit handwarmen Zitronengrastee und zwei Schalen geholt, dann war Mei-Lin wieder leise in die Werkstatt zurückgekehrt. Sie stellte das Tablett auf den Tisch und ging zu Santura. "Ihr sucht einen Stoff für eure Arbeit?"

Schnell hatte Santura sich wieder umgedreht, als sie die Andere wahrnahm. "Es ist wahr, ich habe diesen Stoff bewundert. Es muss ein wahres Vergnügen sein, etwas zu tragen, was daraus gefertigt wurde." Als sie den Tee wahrnahm und der leichte Geruch in ihre Nase stieg, setzte sie sich jedoch schnell wieder auf das Kissen, welches sie verlassen hatte um die Stoffe zu betrachten. Sie hoffte, nicht wieder etwas Falsches zu tun, doch es war nicht der Geschmack der Flüssigkeit, der sie reizte. Schon seit langem nahmen ihre Geschmacksnerven kaum etwas anderes als Blut auf, doch der Geruch, den diese Flüssigkeit ausströmte faszinierte sie jedes Mal von Neuem.

Mei-Lin sah sie überrascht an. "Gut, dann erst den Tee." Sie ging um den Tisch herum und schenkte beide Schalen ein, dann reichte sie Santura die Erste. "Dieser Stoff ist etwas seltenes, es ist eine besondere Mischung aus Seide und Baumwolle, deren Zusammensetzung ich von meiner Mutter geerbt habe. Ich habe diesen Stoff auch noch in anderen Farben.", erzählte sie und ließ sich auf dem anderen Sitzkissen nieder, um ihre Schale zu nehmen.

"Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen." Dankbar nahm Santura die Schale an und versuchte das Aroma des Tees zur Gänze in sich aufzunehmen, dann jedoch hob sie die Schale etwas, fast so, wie man in Europa das Glas hob um auf etwas zu trinken und meinte dann, "Auf ein langes Leben." Dass sie damit das Leben von Mei-Lin meinte, sagte sie wohlweislich nicht dazu, vor allem weil die Tochter der Nacht, im eigentlichen Sinn, ja nicht mehr unter den Lebenden weilte. Dann erst nahm sie einen Schluck dieses wohlriechenden Gebräus und war, wie fast jedes Mal leicht enttäuscht. Es roch so gut und dann... nur Blut schmeckte nicht so fade - das Einzige, was für sie noch irgendeinen Geschmack besaß. Doch die Europäerin hatte ihr Gesicht gut genug unter Kontrolle, dass man ihre Enttäuschung nicht sah.

Mei-Lin hob ihre Schale und lächelte Santura zu. "Auf eine erfüllte und glückliche Zeit." Sie nahm einen guten Zug aus der Schale und stellte sie dann vor sich auf den Tisch. "An was für ein Kleidungsstück, für welchen Anlass hattet ihr denn gedacht?" Die Asiatin war gespannt, was die andere antworten würde und beobachtete sie zaghaft.

Santura nahm noch einen Schluck aus ihre Schale und überlegte dann, wie sie das Kleid, welches ihr vorschwebte am besten beschreiben könnte. Nochmals sog sie mit ihrer Nase das Aroma des Zitronengrases ein und meinte dann, "Nun - es sollte zumindest ähnlich einem Qipao geschnitten sein. Außerdem muss es lange Ärmel haben und es darf mich nicht in meiner Beweglichkeit einschränken." Kurz überlegte sie weiter, bevor sie nochmals sprach, "Trotzdem sollte es halbwegs elegant sein oder zumindest so wirken und zu nahezu jeder Gelegenheit tragbar sein." Ja - das war es.. Wieder hob die Tochter der Nacht ihre Schale und roch kurz an dem Tee bevor sie einen dritten Zug tat. Erst danach sah sie Mei-Lin fragend an und überlegte ob diese wohl ein solches Kleid schneidern könnte.

Es war natürlich schwierig, aber Santura hatte eine Information vergessen, die essentiell war, und so konnte Mei-Lin natürlich was die Farbe betraf keinerlei Auswahl treffen. So meinte die Vampirin, "Nun - wie euch sicher schon aufgefallen ist bevorzuge ich dunkle Farben oder Schwarz."

"Schwarz?!", Mei-Lin überlegte, "Es ist die Farbe von Macht und Geld, auch für tiefes Nachdenken, aber sie steht auch für fehlende Hoffnung und düstere Stimmung." Ihre Augen ruhten auf der Anderen und maßen sie, während ihre Hand, nach der Teeschale griff. "Aber, wenn ihr es wünscht, werde ich es anfertigen und mit ein wenig Purpur für die Schließen und Säume positiver gestalten. Purpur steht für Ideale, Wahrheit und Spiritualität, auch gilt sie als glückbringend.", beendete Mei-Lin ihre Gedanken.

Tiefes Nachdenken traf wohl auf sie zu - man wurde etwas nachdenklich nach dem ersten Jahrhundert. Fehlende Hoffnung und düstere Stimmung - ja das wohl auch.. wobei sie gerade jetzt ihre Hoffnung wieder gefunden hatte. Die Hoffnung, dass Mei-Lin leben würde. Was jedoch das Purpur betraf. "Ich würde gerne sehen, was ihr als Purpur bezeichnet, bevor ich mich dafür entschließe." Die Jägerin wollte eigentlich sowenig Farbe wie möglich tragen - schon allein weil sie dadurch wesentlich unauffälliger wurde, was auch wiederum die Jagd auf ihre Beute vereinfachte. Doch diese Gedankengänge gab ihr Gesicht nicht preis und über ihren Mund würde nichts davon kommen.

Mei-Lin trank, während die Andere sprach und erhob sich dann, die Schale auf den Tisch abstellend. Sie ging zu dem Regal mit den Stoffbahnen und holte eine purpurne Zierborte hervor und dann nahm sie noch den Ballen mit dem schwarzen Stoff, welche sich Santura angesehen hatte. Sie legte die Borte auf den Stoff und beides auf den freien Platz auf dem Tisch ab, so konnte die Andere direkt sehen, wie es ungefähr aussehen würde. "Hier ist der Stoff und die Borte, wie gefällte euch diese Kombination?" Mei-Lin kniete sich neben den Tisch und wartete ab, was die andere sagen würde.

Auch Santura erhob sich von ihrem Platz und betrachtete sich die beiden Farben aufmerksam nebeneinander. Gleichzeitig überlegte sie, wie das ganze wohl als Kleid aussehen würde und kam dann zu einer Entscheidung: "Die Schließe gerne aus Purpur aber ich denke, die Säume auch noch in dieser Farbe zu nähen wäre zuviel." Wieder einmal beobachtete sie Mei-Lin mit den Sinnen einer Jägerin, während sie kurz eine Hand hob um eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu halten. Vielleicht auch nur, um das, was andere vielleicht als "Anstarren" bezeichnen würden etwas zu kaschieren. Wer kannte schon genau die Hintergründe für das Handeln einer Tochter der Nacht?

Mei-Lin betrachtet den Stoff und die Borte, während Santura sprach. Ihr Körper verriet, das die Asiatin über das Kleid nachdachte und dieses langsam Formen anzunehmen schien. "Gut, dann nur die Schließen. Soll das Kleid zur Mitte hin oder über die Schulter geschlossen werden?"

Anscheinend hatte ihre Gegenüber schon genaue Vorstellungen von dem Kleid, das die Vampirin sich erhoffte und so war es auch angebracht die erfahrene Schneiderin um ihren Rat zu fragen, "Was meint ihr, würde besser aussehen?" Nicht, dass die Vampirin sich sehr um ihr Aussehen kümmerte, seitdem die äußerst lästigen repräsentativen Pflichten in Europa nicht mehr waren. Doch soweit sie wusste, würde wohl jede andere Frau sich um solche Kleinigkeiten kümmern und so diente diese Frage vor allem dazu, ihre Tarnung weiterhin aufrecht zu halten.

Mei-Lin lächelte sie an und dann zeigte sie Santura zwei Gewänder, welche die jeweiligen Verschließen zeigten. "Nun, welche Art gefällt euch besser oder soll es vielleicht einen Ausschnitt haben, dann wird es nur an der Seite verschlossen."

Kein Ausschnitt, sie wollte nicht zuviel von ihrer weißen Haut zeigen. Das war viel zu auffällig - auch wenn jede europäische Dame sie um ihre sogenannte "vornehme Blässe" beneidet hätte. "Nun mir gefällt der Schulterverschluss besser. Und bitte kein Ausschnitt - am liebsten wäre mir etwas möglichst hochgeschlossenes." Seltsam eigentlich, dass sie hier so standen und sich über Kleider unterhielten, fast als wäre der gestrige Abend nie passiert.

Mei-Lin nickte und vervollständigte das Kleid in Gedanken, noch mit einem hohen Stehkragen. "Dürfte ich kurz eure Halshöhe ausmessen, damit ich den Kragen weit genug hinaufziehen kann?", fragte sie vorsichtig und dann beobachtet sie die Dame genauer, irgend etwas störte sie die ganze Zeit über schon an dieser und sie wollte endlich wissen, was es war.

"Natürlich." meinte Santura nur und hielt mit einer Hand ihre Haare etwas zurück, während sie darauf wartete, dass die Asiatin maß, was auch immer sie wissen wollte. Dabei dachte sie gar nicht daran, dass Menschen meist atmeten und dies wohl auch am Hals deutlich zu sehen sein sollte. So hob sich ihre Brust nicht unter regelmäßigem Einatmen und keine Bewegung war am Hals zu sehen, als sie darauf wartete, dass Mei-Lin mit einem Maßband kam.

Sie näherte sich ihr langsam und hob ihren Handrücken gegen der Hals unterhalb des Ohres. Er war kalt, so wie die Luft, welche sie umgab. Mei-Lin zögerte einen kurzen Moment und dann wanderte ihre Hand noch ein wenig nach vorn und schien auch da Maß zu nehmen.

Unwillkürlich wollte Santura zurückzucken, als sie die Haut und damit auch die Körperwärme von Mei-Lin an ihrem Hals spürte. Doch im letzten Moment konnte sie sich beherrschen und blieb ruhig stehen, hoffentlich wunderte sich die Asiatin nicht wieder über ihre kalte Haut. Doch was sie roch, das war einfach nicht möglich.. oder...? War das nicht der leichte, jedoch untrügliche Geschmack der Furcht in der Luft?

Mei-Lin fühlte keinen Puls und ihr Eigener erhöhte sich schlagartig, als sie zurücktrat. 'Was ist sie? Sie atmet nicht, ihr Blut fließt nicht und ihr Körper ist so kalt wie die Luft.' Sie bemühte sich ruhig zu sprechen, konnte aber ein leichtes Zittern in ihrer Stimme nicht verbergen. "Nun habe ich alle Eure Maße und die anderen kenne ich ...", sie wollte den gestrigen Abend erwähnen, aber wenn jemand zuhörte, würde es seltsam werden, also beendete sie den Satz. Mei-Lin ging langsam wieder zu ihrem Sitzkissen, um zumindest den Tisch zwischen sich und Santura zu bringen.

Santura lächelte leicht und konnte sich vorstellen, dass Mei-Lin den gestrigen Abend hatte erwähnen wollen. Hoffentlich würde sie das Kleid nicht all zu eng schneidern - obwohl... nach ihren Erfahrungen gestern war die junge Frau dieser Versuchung wohl kaum ausgesetzt. Doch der Geruch nach Angst wurde immer intensiver. Und die Tochter der Nacht wusste, sie würde darüber spreche müssen oder Mei-Lin würde vielleicht nie wieder mit ihr zu tun haben wollen - etwas das die Jägerin auf alle Fälle vermeiden wollte. Und so überlegte sie kurz bevor sie meinte, "Es hat keinen Sinn, wenn ihr euch verbergen wollt oder eure Gefühle, Mei-Lin. Ich rieche die Furcht und ich spüre auch kleinste Andeutungen von Angst. Was fürchtet Ihr?"

Die Augen von Mei-Lin weiteten sich und ihr Körper spannte sich an und Santura konnte sehen, das unter der ebenmäßigen Haut wohltrainierte Muskeln hervortraten. 'Sie kann mein Gefühle, mein Angst riechen? Ist sie ein Geist?' Ihre Gedanken arbeiten fieberhaft, wären sie noch draußen, wäre es kein Problem. Sie hätte einfach nur ins Haus gehen müssen und ein Geist hätte draußen bleiben müssen, aber sie hatte ihn eingeladen hereinzukommen und so konnte sie nun nach Belieben ein und aus gehen. Mei-Lin schauderte bei den Gedanken daran und blickte Santura an, ohne ein Wort zu sagen.

Aufrecht und ohne einen Gedanken an Böses erwiderte Santura diesen Blick. Dunkelblaue Augen fixierten die hellgrauen ihrer Gegenüber, sie hatte nichts zu verbergen. Nun ja ... fast nichts zumindest. Es war jedoch offensichtlich, dass irgendetwas dieses Mädchen erschreckt hatte. "Ich hatte nie vor, Euch etwas Schlechtes zu tun. Doch sagt mir: Was hat euch an mir erschreckt?"

Mei-Lin verlagerte minimal das Gewicht von einem Fuß auf den anderen und beobachtete jede Bewegung der Anderen. "Ihr atmet nicht, in eurem Körper fließt kein Blut und ihr seid kalt wie die Luft, welche uns umgibt, doch seht ihr aus wie ein Mensch.", langsam kam die Aufzählung der Fakten über die Lippen von Mei-Lin und dann schien diese auf eine Antwort zu warten.

Kurz überlegte Santura eine Antwort auf dieses Aussage, während sie langsam einen Schritt zurückwich. Das Mädchen sollte sich nicht durch sie bedrängt fühlen. "Das ist wahr. Ich bin kein Mensch, schon seit einiger Zeit nicht mehr. In Europa hält man Wesen wie mich für Sagengestalten und hier kennt man sie nicht einmal. Doch bevor Ihr weiter zurückschreckt, bedenkt bitte: In Europa kennt man nicht die Boten der Ahnen, wie Foulou, der uns gestern einen Besuch abstattete und ich bezweifle ernsthaft, dass er geatmet hat." Mal abgesehen davon, dass der Drache ganz sicher sogar nicht wie ein Mensch ausgesehen hatte. Ein leichtes Lächeln glitt über die Lippen von Santura, als dieser Gedanke sie durchzuckte, doch gleich wurde ihr Gesicht wieder ernst und sah sie ihre Gegenüber weiterhin unerschrocken an.

Mei-Lin versuchte die Worte zu verstehen. "Foulou lebt und atmet.", brachte sie leise hervor, denn das wusste sie mit Sicherheit, doch alles andere fand noch keinen so richtigen Weg in ihre Gedanken – Es war ihr im Moment alles irgendwie zu viel.

War das Trauer die sich in die Augen der Jägerin geschlichen hatte? Jedenfalls verbeugte sie sich leicht und meinte dann: "Ich habe meine Schwur gestern ernst gemeint und ich werde immer über Euch wachen! Ich habe ein Geheimnis, das ist wahr - und ich wollte dass es verborgen bleibt. Aber nun werde ich gehen, auch wenn ich weiter über Euch wachen werde. Solltet Ihr mich brauchen, so ruft - und ich werde es hören und kommen so schnell es mir möglich ist." Nochmals verbeugte sie sich ganz leicht und dann verschwand sie aus dem Blickfeld des Mädchens - wurde eins mit den Schatten.

Mei-Lin versuchte ihr mit den Augen zu folgen, aber es war, als ob sie auf einmal nicht mehr da war. Was hatte sie getan? War Santura ein Geist der körperliche Form angenommen hatte oder war diese Frau etwas ganz anderes? Sie wusste es nicht und wenn sollte sie fragen? Es dauerte Minuten bis sie sich wieder bewegte. "Ich werde das Kleid für dich machen, Santura." Sie verneigte sich zu der Teeschale, aus welcher die Andere getrunken hatte und holte seufzend Luft.

Stumm hatte Santura sich in eine Ecke des Raumes gestellt und beobachtete von dort aus die Asiatin. Ja - sie würde wachen. Sie freute sich, dass Mei-Lin das Kleid trotzdem nähen wollte. Trotzdem würde sie nicht mehr erscheinen, es sei denn die Andere würde nach ihr rufen. Als Mei-Lin kurz den Raum verließ, nutzte sie die Gelegenheit und verließ das Haus durch das Fenster. Sie vergaß auch nicht, dieses gleich wieder zu schließen. Die Vampirin würde von außen über dem Haus und seinen Bewohnern wachen und das trotzdem ihr Magen mal wieder leise knurrte, würde sie dem Hungergefühl erst kurz vor dem Morgengrauen nachgeben. Kurz bevor sie sich schlafen legen würde.

Mei-Lin brachte das Geschirr in die Küche und als sie zurückkam spürte sie, das etwas anders war, konnte aber nicht genau sagen was. Sie wischte den Tisch erst feucht und dann trocken ab, ihre Finger glitten über das Holz und spürten sie Maserung, dann räumte sie die Lappen und die Kissen beiseite. Mit langsamen Schritt ging sie zu dem Regal und nahm den Stoff heraus, auf welchen die Wahl der Anderen gefallen war und breitete ihn auf dem Tisch aus. – Am Morgen würde sich bestimmt jemand das Maul zerreißen, weil die Fremde nicht mehr aus den Haus der Cha gekommen war und scheinbar noch darin verweilte. – Aber das war Mei-Lin im Moment egal, es lag noch hinter dem Sonnenaufgang und dieser war noch viele Stunden entfernt. Langsam und ohne Hast strich sie den wundervollen Stoff glatt und stellte sich Santura darin vor.

Es war irgendwie seltsam, so durch das Fenster zu sehen. Fast als wäre dahinter eine andere Welt. Aufmerksam beobachtete Santura, wie die Schneiderin den Stoff in die Hände nahm und stellte sich vor, wie ein Kleid aus diesem wundervollen Stoff wohl aussehen würde. Nun - wenn es fertig war, würde sie kommen, und es anprobieren. Vor dem Fenster stehend, blieb die Tochter der Nacht mit den Schatten verschmolzen während die Zeit verrann, als Mei-Lin sich zu Bett begab, wechselte sie auch gleichzeitig ihren Beobachtungspunkt.

Mei-Lin ließ ihren Gedanken freie Bahn und mehr unbewusst als bewusst führte sie die Schere durch den Stoff und schnitt die Teile des Gewandes zu, immer darauf achtenden, das alle Teile das gewebte Muster in der selben Richtung hatten. Mit geübten schnellen Handgriffen setzte sie die erste grobe Naht, welche die Teile zu einem Ganzen zusammenfügte, dann bereitete sie noch die Verschlüsse vor und legte das dunkelrote Band in wunderschöne Knoten, welche sie sofort vernähte. Mei-Lin erhob sie und legte die vorbereiteten Sachen sorgfältig in ein leeres Fach. Schnell räumte sie die Nähsachen beiseite und löschte das Licht. – Ihr Vater war noch nicht zurückgekehrt, aber es kam schon vor, dass er mit einem Freund die ganze Nacht im Teehaus und wenn dieses schloss, im Park diskutierte, bis die Sonnen wieder den Himmel erklomm. – Sie ging hinauf in ihr Zimmer nur noch eine Kerze tragen, denn alle anderen Lichter im Haus hatte sie gelöscht und auch das Feuer im Ofen war nur noch ein kleiner Haufen Glut, welcher kein Feuer mehr entfachen konnte. Mei-Lin legte ihren Arbeitsqipao ab und zog sich das Nachtgewand an, dann legte sie sich auf ihre Matratze und schloss die Augen, doch ihre Gedanken würden sie noch lange nicht einschlafen lassen. Diese und die letzte Nacht hatten zu viel Eindrücke hinterlassen und sie brauchte Zeit diese zu verarbeiten.

Der Mond schien und nichts passierte mehr in dieser Nacht.


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