Kapitel 4 - Heimwegsprobleme

"Eure Ahnen kümmern mich wenig und die Ehre sogar noch eine Spur weniger." Die Stimme von Santura klang rauh und schroff, fast so, als wollte sie die Rührung, die in ihr herrschte verbergen. Ihre Lippen waren wieder etwas gebleckt und ganz leicht traten die Eckzähne hervor. Und doch verbeugte sie sich ebenfalls kurz vor der Anderen. "Wollt Ihr nicht versuchen, ob Ihr inzwischen aufstehen könnt?"

Mei-Lin schrak leicht zurück und blickte sie mit großen Augen an. "Was ist ... mit ... die Zähne, sie scheinen ..." Auf einmal kam sie sich unheimlich albern vor und sah beschämt zu Boden.

Oh... Also hatte Mei-Lin doch nicht alles von der Unterhaltung mitbekommen. Oder verstanden - denn soweit Santura wusste gab es hier nicht einmal Vampire. Und so meinte sie mit einer beschwichtigenden Geste: "Ich bin mit diesen Zähnen geboren worden." Und das war sogar die Wahrheit. Seit ihrer Wiedergeburt lebte die Vampirin schließlich von ihren Eckzähnen.

Mei-Lin wurde rot. "Ich hatte vorher nicht bemerkt, das sie so ... ausgeprägt sind, Dame Santura. Verzeiht mir." Irgendwie fühlte sie sich unwohl, so in dem kaputten Kleid der Dame, die junge Asiatin spürte, dass der Rücken komplett offen war und ein leichter Schauer lief diesen hinab, die Kälte der Nacht hatte ihren Weg hier hineingefunden.

Genauso geschwind, wie die Asiatin, hatte auch Santura sich aus dem fremden Kleid geschält und hielt es der Anderen hin, während sie sich ihr Gewand nahm und schnell hinein schlüpfte. Die Vampirin kümmerte sich wenig um die Regeln, die der Anstand vielleicht verlangt hätte - ihr Körper war schließlich nicht anders gebaut als der von Mei-Lin und so konnte das junge Mädchen sehr deutlich die blasse, fast weiße Haut Santuras sehen und auch ihr Untergewand, das sich farblich kaum abhob. Schnell hatte die Tochter der Nacht ihr Kleid wieder übergestreift und so gut es ging angezogen. Bis auf die Tatsache, dass ihr Rücken offen war, war nun auch wieder jeder Teil ihres Körpers verhüllt.

Mei-Lin dachte über das was Foulou ihr erzählt hatte nach und zog sich langsam an, schließlich nahm sie ihren Umhang und dann erinnerte sie sich an das Kleid, der Europäerin. "Ihr solltet den Umhang tragen." Zaghaft hielt sie ihn ihr hin. Ihre inzwischen wieder erwachten Augen strichen über Santura und schienen sie einmal wieder zu messen.

"Es wäre unschicklich für euch, ohne Umhang zu gehen oder? Und Euer Vater würde Fragen stellen. Foulou hat erzählt ihr habt ihn angelogen." Santura ließ den letzten Satz im Raum stehen und tat, als würde sie den Blick Mei-Lins nicht bemerken, mit dem diese sie maß Statt dessen tat sie es der Anderen gleich und beobachtete sie aufmerksam. Immer noch wirkte das Mädchen etwas bleich, doch sie schien sich gut von ihrem Ohnmachtsanfall erholt zu haben, so dass es kein Problem mehr sein sollte nach Hause zu gehen... Oder doch?

Sie zog ihren Arm mit dem Umhang wieder heran und als Santura die Lüge erwähnte, wäre sie am liebsten vor Scham in den Boden versunken. Doch so sie drehte sich zur Wand und legte eine Hand daran, um ihr Zitter zu verbergen. 'Foulou, warum hast du ihr das erzählt?' Keine Antwort kam, aber sie hatte es auch nicht wirklich erwartet. Im Moment kam sie sich wie ein kleines Mädchen vor, dass erwischt worden war. Ihre Finger wollten sich in den Stein der Mauer krallen, aber ihre Nägel waren nicht stark genug.

Unhörbar seufzte Santura. Sie hatte das Mädchen nicht verletzten wollen. Kurz überlegte sie, was sie jetzt tun sollte. Und nahezu lautlos trat sie zwei Schritte näher an das Mädchen und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. "Es..." ganz leicht zitterte die Stimme der Jägerin, denn sie war trotz allem nicht sehr gut darin ihre Gefühle zu zeigen. Zu lange hatte sie alleine und ohne Kontakt zu irgendwem gelebt. "...es freut mich trotzdem, dass du mich wiedersehen wolltest."

Mei-Lin zuckte bei der Berührung kurz zusammen, drehte sich aber nicht um. "Ich habe gelogen und das war nicht richtig." Eine stille Träne rann über ihre Wange hinab.

Die Tochter der Nacht merkte nichts von der einen Träne die aus Mei-Lins Auge tropfte und so wurde ihre Stimme fast etwas schroff - sie wusste nicht, wie sie hier reagieren sollte. "Dann solltet ihr jetzt nach Hause gehen und eurem Vater alles erzählen." Dass Santura diesen Satz nicht so hart meinte wie er vielleicht klang, konnte die Asiatin nicht wissen. Und doch - wahrscheinlich wäre es besser, wenn sie sich nicht mehr trafen. Solange das Mädchen nachts unterwegs war, war sie immer in Gefahr, nicht nur Krankheiten konnten einen Menschen töten. Und sie würde trotzdem ihrer Verpflichtung nachkommen, auch wenn die Vampirin den ersten Kontakt zu einem Menschen seit langem nicht verlieren wollte. Still grübelte sie über diesen Überlegungen.

Mei-Lin zuckte zusammen, als sie Santura so anfuhr und zog ihre Schulter unter den Hand weg, mit eiligen Schritten ging sie zur Tür, ohne sich umzudrehen. "Ihr habt recht, Dame Santura. Ich hätte nicht wieder kommen sollen und dafür meinen Vater belügen. Mein Neugier hat mich verführt und mich vom rechten Pfad gebracht." Sie öffnete die Tür und schlüpfte hindurch, den Umhang über sich werfend. "Lebt wohl, Dame Santura. Möge euer Leben lange und friedvoll sein." Dann wollte sie die Tür schließen.

Fast war es, als würde Santura aus ihren Gedanken aufschrecken. Beinahe hätte sie dieses Mädchen einfach so gehen lassen. Wieder fauchte sie ganz leise - warum war es so schwierig, mit diesen Menschen richtig umzugehen? "Verzeiht." Nur dieses eine Wort kam über die Lippen der Vampirin und nochmals war es, als würde sie in ihren Gedanken versinken. Wie lange war es her, dass sie sich bei irgend jemandem für ihr Tun entschuldigt hatte?

Ihr Hand verharrte und sie sah zu Santura hinüber - auf einmal erfüllte sie Trauer, als sie die Dame da so stehen sah. Was sollte sie tun? Ihrem Vater die Wahrheit sagen oder weiter mit dieser Dame verkehren. Ihre Seele schrie vor Verzweiflung, sie wußte nicht, was sie tun sollte. "Ich ... ich ... da ...", sie stotterte, "... da ist mehr ... als das Schicksal ...etwas zog mich zu ... dir ... hin, bevor ... wir dieses Haus betraten." Sie blickte zu Boden und scharrte leicht mit dem Fuss. "Es ... es war nicht nur ... meine Neugier." Sie suchte nach Worten, schien sie aber nicht zu finden.

Also hatte nicht nur sie dieses Gefühl gehabt, dass es einfach vorher bestimmt war, dass sie sich trafen und wenn Santura an Vorhersehung geglaubt hätte, hätte sie vermutlich behauptet, es wäre immer ihre Aufgabe gewesen, diesen Fluch zu brechen und Mei-Lin leben zu lassen. So jedoch wusste sie nicht, wie sie antworten sollte, stumm stand sie immer noch in dem Raum, nur von der einsamen Öllampe beleuchtet, die immer noch brannte und doch musste sie irgend etwas sagen. "Wenn du wünschst ..." Wieder war da dieses leise Zittern und die Jägerin verfluchte sich innerlich dafür, sie musste sich besser unter Kontrolle halten. "...ich würde dich jedenfalls gern weiterhin treffen." Und das war die Wahrheit, egal was daraus für Folgen entstehen würden.

Mei-Lin blickte auf und hörte das Zittern, es war mehr zwischen ihnen, als pure Neugier. "Ich ... ich ...", sie wollte viel mehr sagen, aber sie schaffte es einfach nicht die Worte zu finden, "... auch.", kam es schwach von ihren Lippen. Was hatte sie nur in den Bann der Fremden gezogen? Mei-Lin wußte es nicht und vielleicht wollte sie es auch gar nicht wissen.

Sie musste irgend etwas tun, um das hier zu beenden. Die Tochter der Nacht konnte und wollte ihre Gefühle nicht so offen zeigen. Außerdem wollte sie noch etwas zum Schutz dieses Mädchens organisieren - und die Nacht dauerte auch hier nicht ewig. Tagsüber - ja das war ihre Schwachstelle. Am Tag würde jemand anders Mei-Lin beschützen müssen. "Ihr solltet trotzdem nach Hause gehen. Bevor man euch vermisst."

Traurig blickte sie Santura an. "Ihr habt recht. Nur weiß ich nicht, ob ich Morgen Abend wieder in die Stadt darf. Ich weiß nicht, ob Vater es gestattet, da auch noch die Arbeit getan werden muß."

Langsam ging die Europäerin wieder in Richtung Tisch, fast so als wollte sie die Öllampe löschen. Es wurde Zeit dass sie von hier verschwanden. Kurz überlegte sie dabei jedoch, wie sie Mei-Lin möglichst bald wieder treffen könnte. "Arbeit? Was für Arbeit? Könnte ich Euch dabei helfen?" Dies war sicher ein blöder Einfall, der Vater des Mädchens durfte doch nichts von ihr wissen, außerdem konnte die Vampirin doch erst Nachts raus. Aber sie hatte einfach das Erste sagen müssen, was ihr eingefallen war. Schnell löschte sie die Lampe und so standen die beiden im Dunkeln da - mit dem einen Unterschied, dass die Tochter der Nacht Mei-Lin immer noch recht gut erkennen konnte, während diese wahrscheinlich überhaupt nichts mehr sah.

Die Augen von Mei-Lin schienen kurz vor Freude zu leuchten, als Santura ihr anbot zu helfen, doch das verschwand schnell wieder. "Ich bin Weberin und Schneiderin, Ich fertige Kleidung für die Kundschaft. Aber da ihr Tagsüber immer beschäftigt seit..." Dann war es dunkel, doch instinktiv spürte Mei-Lin wo sich Santura befand und drehte sich ihr zu. "Werdet ihr wohl kaum die Zeit haben. Aber ich würde mich freuen, wenn ihr mich in meinem Laden besuchen würdet. Vater hat seine Färberei und Gerberei in der Nähe und versorgt mich mit Rohstoffen." Sie war irgendwie in einem Redeschwall hineingekommen und bremste sich nun selber.

Oh - womit hatte sie jetzt diesen Redeschwall ausgelöst? Santura wunderte sich, dass dieses schüchterne Mädchen auf einmal so viel reden konnte. Wäre es denn möglich, dass sie Mei-Lin besuchte? Abends - nach Sonnenuntergang? Jedenfalls könnte sie so zumindest kurzfristig und auch noch "erlaubter Weise" in der Nähe Mei-Lins sein und auf diese aufpassen. "Ich würde euch gerne besuchen – vor allem, weil ich ja jetzt ein neues Kleid brauche..." Es war dunkel und so konnte die Asiatin zwar nicht das Zwinkern sehen, dass diese Worte begleitete wohl aber das deutliche Schmunzeln hören.

"Ihr seid immer willkommen." Mei-Lin lächelte, dann war sie auf einmal still - vorsichtig hielt sie den Atem an und wagte sich nicht zu rühren. Draußen bewegte sich Licht und sie hörte das typische Klappern einer nächtlichen Patrouille.

"schhhhhhhhht." Mehr kam nicht über die Lippen der Jägerin. Gewandt drückte sie sich an der Asiatin vorbei und stand nun direkt an der Eingangstür zum Pavillon. All ihre Jagdsinne waren erwacht und waren auf die Menschen draußen gerichtet. Sie hörte ihre Schritte, hörte wie sie sich leise unterhielten. Jetzt war sie nur mehr die Jägerin auf der Suche nach der Beute. Wäre das Licht noch angewesen, hätte Mei-Lin auch sehen können, wie sich die Vampirin bereit machte, jeden anzugreifen, der es wagen würde hier herein zu schauen. Nicht einmal die Tatsache, dass ihr Kleid am Rücken offen war störte jetzt und jedes ihrer Gewänder war so geschneidert, dass sie sich gut darin bewegen konnte. Santura bemühte sich, mit den Schatten zu verschmelzen. Ganz und gar unsichtbar zu werden.

Mei-Lin wich ihr vorsichtig aus, als sie vorbei huschte und lauschte angestrengt. Die Wachen schienen ein kleines Schwätzchen vor der Hütte zu halten und nach bangen Minuten gingen sie schließlich und man konnte hören, dass sie die Brücke über den See passierten. Sie atmete vorsichtig weiter und entspannte sich langsam.

Langsam schälte Santura sich wieder aus ihrem Versteck und vorsichtig öffnete sie, nach einem kurzen Blick zu Mei-Lin, die Tür. Es schien als wäre diese wieder in Ordnung und durch einen kurzen Blick hinaus, stellte die Tochter der Nacht fest, dass die Luft rein war - niemand war im Moment unterwegs. "Kommt! Wir sollten verschwinden, bevor uns doch noch jemand findet." Doch trotz dieser etwas besorgten Worte genoß die Europäerin den Nervenkitzel - es war viel zu langweilig gewesen in letzter Zeit, aber jetzt hatte sie jemand, den sie behüten musste.

Gewohnheitsmäßig nickte Mei-Lin, trotz der Dunkelheit, dann führten sie ihre leisen und vorsichtigen Schritte zu der geöffneten Tür. An Santura vorbei schlüpfte hinaus ins Freie. Der Mond schien und spiegelte sich in See und die Papierlaternen gaben dem Park ein geheimnisvolles und romantisches Flair. "Wir sollten etwas wegen eurem Kleid tun."

"Das ist nicht notwendig - wenn es Euch nichts ausmacht würde ich euch hier verlassen. Mein Weg ist nicht weit und niemand wird mich sehen..." Niemand würde sie sehen können - aber sie konnte nicht eins mit den Schatten werden, solange Mei-Lin sie beobachtete. Schließlich wusste diese nichts über ihre wahre Natur - und das sollte auch besser so bleiben.

Mei-Lin lächelte sie an. "Mein Laden ist in der Santji-Straße, das grüne Haus mit dem goldenen Drachen im Schild. Ich wünsche euch einen friedlichen Heimweg und das euch niemand belästigt." Sie verneigte sich und zog den Umhang um sich zu.

Santura lächelte zurück: "Ich werde es finden." Und auch sie verneigte sich, wünschte der anderen noch eine ruhige Nacht. Gleich darauf jedoch hatte sie sich umgedreht, war ein paar Schritte gegangen bis zum nächsten Schatten. Oder bis zur nächsten Kurve? Sicher konnte die Asiatin das nicht sagen doch auf einmal war es, als würde die Jägerin ihren Blicken entschwinden.

Mei-Lin drehte sich um und bewunderte noch ein paar Minuten den Mond, welcher sich schon auf dem Weg zum Horizont gemacht hatte und immer tiefer sank. ‚Was hat dies Frau nur, dass ich so neugierig auf sie bin? Was ist es, was mich vom Pfad der Tugend gehen ließ, nur um den Abend mit ihr zu verbringen.‘ Grübelnd stand sie da und nahm nicht mehr viel um sich herum wahr, so blickte sie noch eine kleine Ewigkeit auf das Wasser, ohne es wirklich zu sehen, bis sie sich endlich losriß und ihren Weg nach Hause antrat...


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