Kapitel 2 - Am Anfang war die Lüge

Am nächsten Abend wachte die Vampirin wieder kurz nach Sonnenuntergang auf, neugierig darauf, was sie an diesem Abend erwarten würde. Ob sie wohl eine ähnlich faszinierende Unterhaltung wie gestern finden würde? Den Rest der Nacht hatte sie noch über Mei-Lin nachgegrübelt und darüber, was eigentlich an ihr so faszinierend war. Wieder suchte sie aus ihrem Kleiderschrank etwas zum anziehen heraus, wie üblich eigentlich etwas Schwarzes, diesmal jedoch in etwas europäischerem Schnitt, fast so als wollte sie heute auffallen. Erst dann schwang sie sich auf dem gleichen Weg wie gestern und wie jede Nacht seitdem sie hier hauste, auf die Straße und machte sich auf den Weg.

Mei-Lin hatte sich wieder zu dem Teehaus begeben und stand nun etwas unschlüssig davor, drinnen hatte sie die Dame Santura nicht gesehen. 'Würde sie heute Nacht auch wieder hierher kommen?', Mei-Lin wußte es nicht, aber irgendwie hoffte sie und fürchtete sie es zu gleich. Sie wußte nicht, was sie dazu trieb, aber diese Frau hatte Etwas, was sie magisch anzog. Ihre Art und das es Mei-Lin verboten war sich mit ihr zu unterhalten, geschweige denn sich mit ihr zu treffen und doch hatte ihr Vater ihr auch heute wieder die Erlaubnis gegeben, in die Stadt zu gehen. Ihr Gewissen verurteilte sie, aber ihre Neugier schien sie zu zwingen. Heute trug sie ein jadegrünes Kleid mit goldenen Drachenstickereien ohne Ärmel unter dem einfachen Umhang. Es war ihr ein wenig zu eng, aber betonte ihre schlanke Figur noch mehr, so stand Mei-Lin vor dem Teehaus und hielt Ausschau.

Wie automatisch hatte Santura wieder den Weg in Richtung des Teehauses gewählt. Fast, als hätte sie es geahnt, stand Mei-Lin wieder davor. Hatte diese wohl auch die Neugier nach ihr hierher getrieben? Kurz stand die Tochter der Nacht im Schatten versteckt und beobachtete die Andere, wie diese ganz anscheinend nach jemandem Ausschau hielt. Nach ihr? Erst dann trat sie hervor und sprach Mei-Lin an: "Seid mir gegrüßt, Mei-Lin."

Die Asiatin drehte sich schnell um und ihr wehender Umhang ließ kurz einen Blick auf das Gewand darunter erhaschen. Mei-Lin brauchte einen Moment um sich zu fassen. "Dame Santura, ihr habt mich erschreckt und ich hatte nicht erwartet Euch hier zu treffen." Sie wurde eine Nuance röter im Gesicht und sah wieder einmal zu Boden, denn sie hatte es schon wieder getan - Sie hatte absichtlich gelogen, aber das war nicht das erste Mal, das sie es an diesem Tage getan hatte.

Es war irgendwie rührend, wie verlegen Mei-Lin auf einmal wirkte. Die leichte Rötung im Gesicht passte irgendwie und sie hatte eine Ausstrahlung der Santura sich nicht entziehen konnte. Irgend etwas zog sie fast magisch zu der Asiatin hin, auch wenn sie einfach nicht wusste, was dies sein konnte. So versteckte die Vampirin ihre Verwirrung darüber indem sie sich leicht vor der Anderen verbeugte und dann mit einem Wink auf das Teehaus meinte. "Verzeiht wenn ich euch erschreckt habe. Dies lag keineswegs in meiner Absicht. Aber gerne würde ich wieder einen Tee mit euch trinken, wenn ihr gerade Zeit habt?"

Vorsichtig sah die junge Frau wieder auf und verneigte sich ebenfalls, vor lauter Aufregung hatte sie es ganz vergessen. 'Wieder mit ihr in dieses Teehaus gehen? Das erregt bestimmt Aufsehen und ich will doch nicht, das Vater etwas davon erfährt.' Sie überlegte fieberhaft und man konnte es ihrem Gesicht ansehen, dass sie nachdachte. Dann blickte Mei-Lin die Dame an. "Wenn ihr tagsüber immer so viel zu tun habt, könnte ich euch vielleicht einen der wunderschönen Parks zeigen? Laternen beleuchten die Pfade und der Mond ist auch da." Sie hoffte, das die Fremde ihre Argumente - nein, eigentlich waren es Ausflüchte - gelten ließ.

‚Der Mond? Oh ja es wäre schön, wieder einmal unter dem Mond spazieren zu gehen.‘ Viel zu lange hatte sie die Nacht nur auf der Suche nach Essen durchstreift. So war ihre Antwort eigentlich vorprogrammiert, "Es wäre sehr nett, mehr von dieser Stadt zu sehen, Dame Mei-Lin." Vor allem die Stadt an IHRER Seite zu sehen. Der Tee war überhaupt nicht wichtig. Immer wieder schweiften Santuras Blicke zum Gesicht der Anderen, versuchte es genauestes im Gedächtnis zu behalten, versuchte es zu ergründen. Und versuchte, zu verstehen, warum gerade sie?

Mei-Lin wurde noch röter, als sie wieder mit Dame angesprochen wurde und ihre Finger spielten verlegen miteinander, doch dann holte sie Luft und nickte. "Bitte, folgt mir." Sie verneigte sich erneut und ging dann in Richtung eines Park, welcher sich nur drei Straßen weiter befand. Ihr Schritte waren zielstrebig und doch schien sie immer wieder kurz zu zögern, kurz bevor sie den Boden berührten. Entweder war sie gewohnt vorsichtig aufzutreten oder sie war sehr unsicher.

Santura hielt sich direkt neben der Asiatin, jedoch ohne, ganz gegen ihre Gewohnheit, darauf zu achten wo sie eigentlich hingingen. Viel mehr beobachtete sie verstohlen die Bewegungen Mei-Lins. Die zögernden Schritte, das leise Auftreten, wie der Überwurf im Wind schwang und das darunterliegende Kleid immer wieder zum Vorschein brachte. Immer wieder sahen die Menschen, an denen sie vorüberkamen, das ungleiche Paar an und auch die Tatsache, dass die Vampirin keinen Überwurf trug erregte einige Aufmerksamkeit. Sie würde wohl, solange sie sich in Gesellschaft befand, auf solche Kleinigkeiten achten müssen, die keine Rolle spielten, solange sie nicht gesehen werden wollte. So jedoch konnte man den dunklen, weiten Rock mit jedem Schritt hin und her schwingen sehen und auch die langen Ärmel konnten nicht davon ablenken, dass das Oberteil recht eng geschneidert war und eine sehr schlanke Figur gut zum Vorschein brachte.

Immer wieder huschte ihr Blick zu Santura, wenn sie sich unbeobachtet glaube und als sie schließlich den Park betraten, brach Mei-Lin die Stille ihres Weges. "Euer Kleid betont Euere Figur sehr stark, Dame Santura oder ihr seit viel schlanker als ich... ", als sie weiter sprach, konnte die Jägerin einmal wieder sehen, das die Asiatin rot wurde, "... Ich würde es mir gerne einmal ansehen, wenn ihr es erlauben würdet." Oh nein, jetzt war es raus? Was würde die Fremde nun von ihr denken? Um ihre Unsicherheit zu verbergen ging sie den Pfad am See entlang.

Die Vampirin musste lächeln als Mei-Lin wieder rot wurde. Es war einfach zu süß... Kurz schweifte ihr Blick über den See in dem sich der Vollmond spiegelte und etwas wie Sehnsucht lag versteckt in ihren Augen. Doch die Sehnsucht nach was, war Santura nicht klar. "Natürlich dürft ihr euch mein Kleid anschauen." antwortete sie und wandte sich bei diesen Worten wieder der Anderen zu. "Es ist eines, dass ich noch aus Europa mitgebracht habe."

"Hab dank." Sie überlegte und ihre Schritte führten sie auf ein kleine Brücke, welche zu einem kleinen Pavillon führte. "Soll ich euch dann morgen besuchen kommen oder wann dürfte ich mir das Kleid anschauen?" Schon wieder wurde sie rot ... jetzt fiel sie mit der Tür ins Haus. Mei-Lin dürfte nicht mal mit ihr reden und nun fragte sie, ob sie besuchen durfte, wenn ihr Vater dies wüßte, würde sie wahrscheinlich nie mehr aus dem Haus dürfen. Beim Gedanken daran schluckte sie und versuchte den Gedanken zu verdrängen.

Ein leises Fauchen kam aus dem Mund der Jägerin, als sie sich vorstellte, dass Mei-Lin sie besuchen wollte. So warf sie einen kurzen Blick um sich, ob niemand sie belauschen konnte und sprach dann mit leiser Stimme und in dem vollen Bewußtsein, etwas Unerhörtes vor zu schlagen. "Leider ist es etwas... schwierig.. mich Zuhause zu besuchen. Außerdem habe ich morgen tagsüber leider keine Zeit. Aber..." hier wurde die Stimme Santuras noch leiser "...der Pavillon dort vorne hat, wie ich sehe eine verschließbare Tür." Sie ließ diesen Satz so stehen, überlies es der Anderen, die richtigen Schlußfolgerungen zu ziehen.

Mei-Lin folgte dem Blick der Fremden und sah den Pavillon, wahrscheinlich wurde darin das Gerät aufbewahrt, welches für die Gartenpflege benötigt wurde. "Was habt ihr vor? Wenn uns da drin die Wachen erwischen, bekommen wir Ärger!" und davor hatte sie wirklich Angst, denn dann würde auch ihr Vater erfahren, das sie sich nicht mit einem jungen Mann traf, sondern mit einer Fremden.

Santura versuchte möglichst viel Überredungskunst in den nächsten Satz hinein zu legen, denn auch ihr würde es gefallen, einmal das Kleid von Mei-Lin an zu probieren und zu sehen, wie dieser das europäische Kleid stand. "Ich könnte aufpassen, dass keine Wache uns bemerkt." Während der letzten Sätze waren die beiden auch schon direkt vor dem kleinen Pavillon angekommen und mit einer schnellen Handbewegung hatte die Jägerin auch schon die Tür geöffnet: "Seht - es ist unverschlossen. Was wohl darin ist?"

Sie folgte der Dame hinein in den Schuppen und blickte sich darin um. Ein kleiner Vorraum, welcher leer war und eine Tür nach rechts und links, wahrscheinlich waren auf der einen Seite die Werkzeuge und auf der anderen die Räume, wo sich die Arbeiter umzogen. Dann meldete sich das Gewissen von Mei-Lin wieder, jetzt war sie auch noch unbefugt in ein Haus eingedrungen und dann gab sie sich mit einer Fremden ab. "Wir sollten wieder gehen.", erklang es leise und unsicher von ihren Lippen.

Ein Lächeln spielte immer noch um die Lippen von Santura während sie zu der rechten Tür ging. "Laßt uns noch hinter diese Türen schauen. Ich habe noch nie einen solchen Geräteschuppen von innen gesehen. Was wohl dahinter ist?", und ohne auf eine Reaktion zu warten hatte sie auch schon die Tür geöffnet. War es wirklich die Neugier die sie trieb oder etwas anderes? Hinter der Tür verbarg sich ein fensterloser Raum und nur den an die Dunkelheit gewöhnten Augen der Tochter der Nacht gelang es einen großen Schrank an der einen Wand und einen kleinen Tisch mit einer Öllampe darauf an der zweiten Wand zu erkennen. Schnell ging sie noch den Schritt zu dem Tisch und hatte aus einer kleinen Tasche Zündhölzer geholt, mit denen sie versuchte die Lampe zu entzünden.

Mei-Lin hatte die Haupttür geschlossen und war der Fremden gegen ihr Gewissen weiter hinein gefolgt - erst durch die Dunkelheit stolpernd, dann gezielter, als das Licht entflammte. Aufmerksam sah sie sich um und dann blieb ihr Blick auf der Dame haften. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Die junge Frau hörte im Geiste die Worte ihres Vaters und dann wieder die Stimme der Fremden, wie sie die einen maßregelten und die andere sie verführte. Ihre Brust war gespalten, aber ihre Neugier gewann schließlich die Oberhand.

Santura warf nun, da das Licht den Raum erleuchtete, wieder einen Blick auf die Asiatin, fast so als wollte sie diese auffordern näher zu treten. Es war als spürte sie das Unbehagen der Anderen und ganz leicht genoss sie es. Diese Menschen waren seltsam, so leicht zu manipulieren einerseits und so unverständlich auf der anderen Seite. Und gerade dieser eine Mensch war verwirrender als alle die, die Vampirin zuvor kennen gelernt hatte. "Möchtet ihr mein Kleid immer noch genauer anschauen?" Nur dieser eine Satz verließ ihren Mund und das Lächeln wurde eine Spur breiter.

Mei-Lin blickte die Dame an und nickte nur, dann erst kam ihr, das diese ja nichts anderes zum Bekleiden hatten, wenn sie es sich betrachtet und wurde schon wieder rot. "Ich ... ich werde euch meinen Umhang, da lassen, das ... ihr nicht unbekleidet seit." Mit diesen Worten öffnete sie ihn und legte ihn über den Tisch, das lange smaragdgrüne Kleid kam ganz zum Vorschein und bei diesem Licht schien es, als bewegten sich die goldenen Drachen darauf, als sie eine paar Schritte in Richtung der Tür machen wollte, um draussen zu warten.

Santuras Magen knurrte, als unter dem Überwurf das ärmellose Kleid zum Vorschein kam - und vor allem viel von Mei-Lins Haut zeigte. Fast hätte die Jägerin mit den Zähnen gefletscht, doch im letzten Augenblick bekam sie ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle. Sie war nicht hier um ihren Hunger zu stillen, außer den Hunger der Neugier. Und Mei-Lin... Irgend etwas sträubte sich in der Vampirin, die Andere zu verletzten. So wandte sie sich nur schnell ab und begann, ohne darauf zu achten, ob die Asiatin schon den Raum verlassen hatte, das Kleid auf zu knöpfen.

Mei-Lin verschwand schnell aus dem Raum und schloß die Tür. Es stand einer Schneiderin nicht zu, dabei zu sein, wenn sich jemand umzog, es sei den der oder diejenige wünschte es. Draußen lehnte sie sich erst einmal an den kühlen Stein und hoffte sich so zu beruhigen. 'Warum tue ich das mit dieser Fremden?'

Schnell und geschickt hatte die Europäerin sich aus dem Kleid geschält und es über den Tisch gelegt. Dann erst hatte sie sich vorsichtig in den Überwurf gewickelt. Es war seltsam - fast als würde sie noch Mei-Lins Geruch in dem Kleidungsstück wahrnehmen. Und noch mal knurrte ihr Magen - sie würde schnell von hier verschwinden müssen, oder das Tier in ihr würde irgendwann die Oberhand gewinnen so sehr die Tochter der Nacht sich auch bemühte es zu zügeln. So öffnete Santura ziemlich abrupt die Tür und bat Mei-Lin mit einer Geste einzutreten.

Mei-Lin erschrak, als die Tür auf einmal geöffnet wurde und langsam trat sie in den Raum ein. Vorsichtig hob sie das Kleid vom Tisch, befühlte den Stoff und begann dann mit geübtem Auge das Schnittmuster zu erfassen. Ihre Gedanken war in diesem Moment nur auf das Gewand fixiert. Es war schwierig, die Nähte und den Verlauf der Stoff zu verfolgen, aber es gelang ihr. Sie überlegte, wie sich so etwas tragen würde, während sie es im Lampenschein begutachtete.

"Wenn Ihr wollt, dürft Ihr dieses Kleid gerne anprobieren, Mei-Lin." Es war kaum zu übersehen, dass es die Andere danach gelüstete und so wie diese das Kleid ansah, verstand sie etwas von Mode. Leicht musste Santura grinsen, als sie überlegte wie die Asiatin wohl mit der eng geschnittenen europäischen Mode zurecht kam. Zwar trug die Vampirin kein Korsett doch immer noch waren all ihre Kleider enger als es oft den Anschein hatte.

Mei-Lin blickte die Dame an und wurde wieder einmal rot. "Ihr meint ..." Schon blickte sie wieder zu Boden und in ihr kämpfte die Tradition mit der Neugier ... Sie konnte doch nicht einfach das Kleid der Dame anziehen, das ging doch nicht! Oder doch?

"Ich wüßte zumindest nichts was dagegen spricht." Die Stimme der Vampirin war leise und einschmeichelnd, fast als wollte sie, dass die Andere das Kleid anprobierte. Und wortlos ging sie aus der kleinen Kammer hinaus und verschloß die Tür hinter sich. Ließ Mei-Lin mit dem Kleid und ihren Überlegungen allein zurück.

Mei-Lin blickte ihr nach und einen kurzen Moment dauert ihr Kampf, dann öffnete sie die Knoten-Schließen ihres Gewandes und legte es sorgfältig ab. Sie stand nur noch in einem kurzen weißen Untergewand aus Seide da. Vorsichtig hob sie das Gewand der Dame an und schlüpfte hinein und dann kam sie auch schon zu einem Problem, wie schloß man dieses Kleid? Sie brauchte wiederum nur Augenblicke, dann fragte sie zaghaft und mit hochrotem Kopf in den Raum hinein. "Dame Santura? Könntet ihr mir helfen? Ich weiß nicht, wie man euer Kleid schließt."

Santura glitt zurück in den Raum in dem Mei-Lin sich mit dem Kleid aufhielt. Leise hatte sie kichern müssen, als diese ihre Probleme mit dem Gewand gestanden hatte, doch jetzt war nichts mehr davon auf ihrem Gesicht zu sehen, es sei denn das freundliche Lächeln, dass immer in ihrer Gegenwart aufgesetzt war. "Es ist keine Schande, Dame Mei-Lin, wenn ihr Probleme damit habt. Der europäische Schnitt ist sehr verschieden von dem, was ihr normal tragt. Ihr müßt nur die Knöpfe auf den Rücken drehen und dann zumachen, aber wenn ihr wollt kann ich euch gerne dabei helfen."

Mei-Lin blickte sie Hilfe suchend mit rotem Kopf an. "Ihr habt recht, aber ich bin immer noch keine Dame." Sie zog etwas unbeholfen an dem Stoff und blickte dann wieder zu Santura, "Ich bitte Euch, helft mir."

"So wenig, wie ich eine Dame bin und doch nennt Ihr mich immer wieder so." Mit vorsichtigen Gesten zog die Vampirin das Kleid zurecht während ihr Magen laut und vernehmlich knurrte. Der Nacken Mei-Lins lag entblößt vor ihr und es wäre so leicht zu zubeißen. Doch noch einmal bezwang die Jägerin ihren Hunger und begann langsam die lange Reihe der Knöpfe von der Hüfte bis zum Hals zu schließen. Immer wieder zog sie die Stoffhälfte näher zueinander, denn das Kleid war sogar für sie eng geschneidert gewesen und Santura musste nicht atmen.

Mei-Lin lauschte und fragte dann höflich, "Sollten wir vielleicht etwas Essen gehen? Euer Magen ...", sie schnaufte kurz, als Santura den Stoff wieder einmal enger zog und holte etwas flacher Luft, "... scheint seit langem nichts mehr genossen zu haben." Dieses enge Kleid fühlte sich ganz anders an, als das ihre, und Mei-Lin hatte nicht erwartet, dass es so schmal geschnitten war. Als die Dame ihren Brustkorb erreichte zeichneten sich die Brüste der Asiatin deutlich auf der Vorderseite des Gewandes ab und betonten noch mehr ihre Figur.

‚Essen gehen?‘ Normales Essen würde ihren Hunger nicht stillen. Nichts konnte diesen Hunger stillen, außer dem Einen, dem was alles am Leben erhielt. Ein sarkastisches Grinsen lag auf Santuras Gesicht, als sie überlegte, ob sie Mei-Lin DIES wohl erzählen sollte, doch dann antwortet sie harmlos, "Das ist sehr nett von Euch, aber auf mich wartet ein Essen sobald ich mich entschließe nach Hause zu gehen." Während dessen war sie auch schon am Halsansatz angekommen mit dem zuknöpfen und überlegte, wie die Asiatin wohl aussehen würde in diesem Kleid.

Mei-Lin konzentrierte sich auf ihre Atmung, das Kleid machte es ihr schwer, aber nicht unmöglich. "Eure Diener erwarten Euch also?", fragte sie mit leicht gepreßter Stimme und als Santura auch die Halsknöpfe geschlossen hatte, blickte sie an sich herunter. Vorsichtig bewegte sie sich und maß mit ihren Augen die Bewegung des Stoffes, vor allem der Rock interessierte sie. Sie stricht über ihren Körper und den Hals, wo der Stoff anlag, dann drehte sie sich um ihre Achse und beobachtete fasziniert, wie der Stoff flog.

Das Lächeln auf dem Gesicht der Europäerin wurde noch eine Spur breiter. ‚Diener?‘ "Ich habe keine Diener." Das war zumindest ein Teil der Wahrheit. Doch dann beobachtete sie das Entzücken der Anderen an dem Kleid und wie sie sich drehte. Das Oberteil lag sehr eng an und betonte dadurch die Brüste und die Schlankheit der Asiatin. Offensichtlich hatte diese auch noch nie einen so weit schwingenden Rock gesehen. So meinte die Tochter der Nacht nur: "Dieses Kleid steht euch sehr gut!"

Mei-Lin verharrte in ihrer Bewegung und blickte Santura verlegen an. "Es ist sehr schön, wenn auch seltsam anders, aber auf eine angenehme Art." Sie schien kurz zu überlegen und holte mehrmals flach Luft, dann lächelte sie. "Wollt ihr vielleicht auch einmal meinen Qipao anprobieren?"

"Das wäre sehr nett - ja." Schon vorher hatte die Vampirin das Kleid der anderen heimlich beobachtet. Schwarz - ihre liebste Farbe - und dunkelgrün, geheimnisvoll wanden sich darauf die Drachen, fast als wären sie lebendig - so jedenfalls hatten sie gewirkt sobald Mei-Lin sich bewegt hatte. Auch wenn vieles an der Vampirin sich seit ihrer Wiedergeburt geändert hatte, die Faszination für schöne Kleider war geblieben. Oder war vielleicht auch neu entdeckt worden - Santura wusste es nicht mehr. Und so strich sie sanft und bewundernd über den dunklen Stoff, fast als traute sie sich nicht, den Qipao tatsächlich anzuziehen.

Mei-Lin lächelte sie an. "Ich werde draußen warten, bis ihr angezogen seit." Irgendwie wollte sie den Körper der Fremden sehen, der in diese Kleid paßt und doch forderte ihre Erziehung, das sie draußen wartete.

Santura lächelte zurück und antwortete, "Meinetwegen müßt ihr euch nicht entfernen. Es reicht doch wenn ich euch den Rücken zuwende oder?" Und schon hatte sie vorsichtig das Kleid genommen, hielt es vor ihren Körper, als würde sie probieren, ob es tatsächlich passen würde. Und wartete kurz darauf, wie die Asiatin reagieren würde.

Mei-Lin drehte sich um und blickte auf ihr Schattenspiel an der Wand. Wahrscheinlich würde Santura dieser Qipao stehen, auch wenn er wahrscheinlich ein winziges Stück zu groß war. Der Stoff, den sie jetzt trug, war anders als die sanfte und sehr leichte Seide, er war schwer, aber trotzdem auch weich. Kurz tanzten Sternchen vor ihren Augen und sie zwinkerte ein paar Mal, dann waren sie wieder weg.

Ohne weiter auf Mei-Lin zu achten hatte die Jägerin sich umgedreht und war aus dem Überwurf geschlüpft. Geschmeidig war sie in die Ärmel des Qipao geschlüpft und hatte dann begonnen die Knöpfe von der Hüfte an zu schließen. Der leichte Stoff war auf ihrer Haut angenehm zu tragen und nach der Enge des anderen Kleides fühlte Santura sich fast als hätte sie nichts an. Erst als das Kleid bis zum Hals zugeknöpft war drehte sie sich wieder um und suchte den Blick Mei-Lins. Fast als erhoffte sie sich Zustimmung.

Mei-Lin blickte immer noch an die Wand vor sich und wartet darauf, das die Andere ihr etwas sagte. Die Enge des Kleides wurde ihr ein wenig unangenehm, aber es schien sie auf seine spezielle Art zu liebkosen.

Santura bemerkte jetzt, dass Mei-Lin sich ebenfalls zur Wand gedreht hatte, anscheinend um überhaupt nichts mit zu bekommen und so meinte sie, "Ich habe den Qipao schon an, Mei-Lin." Kurz glitt ihr Blick über den schlanken Körper, von den Füßen bis zum Hals, der nun wieder verdeckt war. Zum Glück, denn lange hätte Santura ihre Gier wohl nicht zurückhalten können.

Langsam drehte sich die Asiatin um und ihre Augen weiteten sich, Santura sah wirklich schön aus in diesem Gewand und das Grün betonte ihre bleiche Haut. "Ihr tragt es, als würdet Ihr von hier kommen!" Sie atmete kurz, dann griff sie sich an den Hals, dann wurde es schwarz und sie sank zu Boden.

Schneller als man es für möglich gehalten hätte, war Santura zu der Asiatin geglitten und hatte versucht diese aufzufangen noch bevor sie den Boden berührte. Verdammt - warum hatte sie nur vergessen, dass Mei-Lin in dem Kleid nicht genug Luft bekommen würde? Und warum hatte diese nichts gesagt? Mit einer geschickten Bewegung hatte sie das Mädchen so gedreht, dass ihr Bauch auf dem Boden zu liegen kam und riss nun, unter einigem Kraftaufwand das Kleid einfach auf. Es war keine Zeit, die Knöpfe einzeln zu öffnen - und das Kleid selbst war nicht wichtig, aber wenn Mei-Lin hier etwas zustoßen würde, konnte das Scherereien geben. Und irgendwelche ängstlichen Väter, die Jagd auf den Mörder ihrer Tochter machten, konnte sie beim besten Willen nicht gebrauchen. So versuchte Santura sich an all das was sie je über den menschlichen Körper gelernt hatte zu erinnern und drehte das Mädchen dann wieder zurück auf den Rücken. Luft müsste sie nun genug bekommen und da ihr Kopf auf dem Schoß der Jägerin lag, sollte sie keine Probleme mit der Atmung haben. Leicht tätschelte sie die Wangen der Asiatin und versuchte zu hören, ob diese noch atmete.

Als der Druck weg war, begann Mei-Lin wieder zu Atmen ...


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