Der Tag der Prüfung

Geschichte von Papa Baer

Der letzte Stein der Mauer fiel und gab den Weg in die Höhle frei. Im Licht der Fackeln betraten sie diese, gezogen von einer Kraft, die tief im Berg ruhte. Die Finsternis begann zu weichen, als sie sich dem Ursprung der Kraft näherten, einer Kugel von perfekter Form. Von Eile getrieben, streckten sie ihre Hände der Kugel entgegen. Das Licht wurde heller und ließ den Raum im wundervollem Glanz erstrahlen...

Heute war sein Tag, heute würde er zum Mann werde. Er, Aran, Sohn von Hakim und Sulaika. Viele werden heute mit ihm den Tempel von Gorn betreten und nur wenige werden ihn als Männer verlassen. Zur Mittagssonne würde es soweit sein, ein letztes Mal prüfte er sein Bündel. Alles was er für die Prüfungen brauchte hatte er bei sich. Sein Schwert, welches sein Großvater in vielen Kämpfen geführt hatte, hing an seiner Seite. Lange hatte er für diesen Tag trainiert, unzählige Strapazen auf sich genommen, um sich vorzubereiten. Nichts würde ihn aufhalten können...

Langsam erhob sich Lyjan von ihrem Lager. Der Junge den sie gestern in der Taverne kennengelernt hatte lag still im Bett, nie würde er diese Nacht vergessen. Sie öffnete das Fenster und Sonnenlicht fiel auf seinen makellosen Körper, er schlief weiter. Ein Seufzer kam über ihre Lippen, wie sie ihn da so liegen sah. Sie ging ins Bad und begann sich zu waschen, ja er hatte sich diese Nacht einiges Kosten lassen. Zurück im Schlafzimmer zog sie ihre Kleidung an und küßte ihn auf die Stirn, nahm ihre Waffen, den Rucksack und ging...

...Die Kugel und ihre Kraft würden ihre Rettung sein, wenn sie das Ritual richtig durchführten. Logrin, ihr Anführer, begann seinen Anhängern Aufträge zu erteilen, um da Ritual vorzubereiten. "Mögen die Götter uns beistehen!", murmelte er, als er Kampflärm aus dem Durchbruch hörte. Er wußte, ihre Krieger würden den Feind nicht lange aufhalten können. "Tras nora desam...", begann er die mächtigen Worte des Rituals zu sprechen...

...Die Straßen zum Tempel des Gorn waren geschmückt, wie jedes Jahr an diesem Tag. Aran spürte das besondere dieses Tages und Stolz stieg in seiner Brust auf. Die Menschen machten ihm Platz, als er durch die Gassen der Stadt ging. Dort auf dem Hügel war der Tempel, gesäumt von dem Bäumen, die Blüten trugen, als wollten sie das Ganze mitschmücken. Die Torwachen grüßten ihn freundlich und wiesen ihn den Weg zur Halle der Prüfungen. Tausend Kerzen brannten in ihr und leuchteten sie aus. Aran sah einige seiner Freunde und begrüßte sie, obwohl jeder von ihnen seine Unruhe zu verbergen versuchte spürte er sie...

...Von Dach des Turmes hatte Lyjan freien Blick auf ihr Ziel. Schwierig war das, was das Orakel sie gehießen hatte zu tun. Ihr Augen streiften herum, so viele waren gekommen, sie mußte schnell sein um nicht gefaßt zu werden. Sie bereitete das Seil vor und ging in Gedanken alles noch einmal durch. Ein letzter Handgriff, die Sonne beschien das Ziel und Lyjan ließ sich fallen...

"...las dex venen!" Logrin vollendete das Ritual und keinen Herzschlag zu früh, als die ersten Feinde eindringen und vom Licht geblendet zurückweichen. "Es ist vollendet ihr könnt uns nicht mehr aufhalten, ihr..." Die Explosion eines Feuerballes schleudert ihn an eine Wand der Höhle, vor der er benommen liegenbleibt...

...Kurz vor der Mittagsstunde betraten die Priester des Gorn den Raum und begannen die Zeremonie. Aran hatte eine Platz nahe der Kugel der Erleuchtung zugewiesen bekommen. Als die Mittagssonne die Kugel traf strahlte sie ein wunderschönes Licht aus. Aran merkte das etwas nicht stimmte, denn die Priester schienen von dem was sie sahen überrascht. Aus dem Augenwinkel heraus nahm er eine Bewegung wahr, die sich von oben rasch der Kugel näherte. Er konzentrierte sich das Licht zu ignorieren und was er sah verschlug ihm die Sprache, eine Frau hing kopfunter über der Kugel. Sie mußte sich durch den Turmschacht gestürzt haben und versuchte jetzt die Kugel der Erleuchtung zu greifen. "Diebe!", schoß es aus seinem Mund und er sprang vor, um sie festzuhalten...

...Sie haben mich zu schnell bemerkt, dachte Lyjan, als sie die Hände um ihre Handgelenke spürte. Weiter kam sie nicht, denn das Licht schien zu explodieren und nahm ihr die Sinne. Ihr Körper wirbelt herum, doch der Griff bleibt fest...

"Bewegt Euch nicht!" befahl eine barsche Stimme. Verwirrt sah Aran sich um, wo war er? Dies war nicht der Tempel seiner Heimatstadt, dies war nicht einmal ein Tempel, sondern eine Höhle. Kampflärm drang an seine Ohren. War das die Prüfung, die ihn zum Mann machen sollte? Jetzt sah er auch den Besitzer der Stimme, ein Kämpfer, schwer gerüstet, begleitet von zwei weiteren Kriegern und um sie herum tobte ein Kampf. Stahl traf auf Stahl und da, wo er Fleisch traf hörte man die Schreie der Verletzten und Strebenden. Tod und Vernichtung...

"Bewegt Euch nicht!" hörte Lyjan jemanden hinter ihr sagen, doch nur verschwommen nahm sie es wahr. Der Geruch von Schweiß, Angst, Tod und Blut lag in der Luft und immer noch hielten diese Hände sie gefangen. Sie versuchte sich loszureißen und es gelang ihr. Sie drehte sich herum und wollte loslaufen, da spürte sie einen brennenden Schmerz in ihrem Bauch. Ihre Hände bewegten sich zu der Stelle, dort spürte sie etwas kaltes und metallenes. Ihr Blick ging nach unter und sie folgte dem Schwert, dem Arm der es hielt, zu dem Gesicht dessen, der es führte. Schwarz wurde es um sie herum...

...Ein Fuß Stahl ragte aus dem Rücken der Frau, die er eben noch gehalten hatte. Blut rann aus der Wunde und ihr Körper begann zu erschlaffen. Darauf war er nicht vorbereitet gewesen, den Tod zu sehen, er hatte viele Geschichten gehört, aber damit mußte er selbst fertig werden. Sie sank zu Boden, als der Krieger sie vom Schwert rutschen ließ. Aran sank neben sie auf den Boden und begann zu weinen, er wußte nicht warum er es tat, er kannte sie nicht einmal. Wut stieg in ihm auf, ungezügelt Wut. Seine Hände glitten zu seinen Ärmeln, wie sie es so oft getan hatten. Fest umschloß er die Griffe und mit einer blitzschnellen Bewegung warf er die Klingen. Die Krieger rissen überrascht die Augen auf, als die Messer sich in ihr Stirn bohrten, zu keiner Reaktion mehr fähig, sanken sie tot zu Boden. Er riß sein Schwert aus der Scheide und sein Gegenüber ging in Kampfstellung, mit einer Geschwindigkeit, wie man sie jemanden in Rüstung nicht zutrauen würde. Zwei Äxte waren in seine Hände gelangt und begannen zu wirbeln. Schläge prasselten auf Aran ein, er parierte so gut er konnte, doch seinem Gegenüber war er nicht gewachsen. Sein Schwert flog von einem gewaltigen Hieb getroffen davon. Der Schwertarm brach, als die erste Axt ihn traf, kurz darauf, obwohl es ihm wie eine Ewigkeit vorkam, schnitt sich die zweite in seine Brust. Das Blut spritzte, als er auf dem Boden aufschlug. Seine Eltern, seine Schwester, was würde aus ihnen werden. Seine Gedanken flogen durch sein Leben und gelangten am Ende in den Tunnel aus Licht...

Die Kugel lag zerbrochen auf dem Boden.

Kein Licht ging mehr von ihr aus.

Leichen, zerbrochene Waffen und Schilde, Verwüstung überall.

Nur ein kleines Feuer brennt auf einem kleinen freigeräumten Platz in der Mitte...

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