Erwachen

(Papa Baer)

Finster und kalt das dunkle Grab in dem ich liege. Gebunden durch den Pflock in meinem Herzen. Der Körper gebannt, doch der Geist ist frei und kann doch nirgendwo hin.

Haß und Rache durchströmen mich.

Ein Schaben und wieder Stille, da erneut und eine Schaufel trifft den Deckel des Sarges. Ich weiß draußen ist es Nacht, wer gräbt um diese Zeit auf einem Friedhof. Ich spüre, wie der Sarg in die Höhe gehoben wird, hinaus aus diesem dunklen Grab, das so viele Jahre mein Gefängnis war. Mit einem Krachen öffnet sich der Deckel. Ist der gut erhalten, sind die Worte, die ich höre und ich spüre die Anwesenheit von mehreren Menschen. Der Geruch von Blut liegt mir in der Nase, doch der Pfahl läßt keine Regung zu. Der Deckel wird auf den Sarg gelegt und er wird auf etwas aufgeladen. Mit einem Geräusch, welches ich noch nie hörte setzt sich das Ding in dem ich mich befinde in Bewegung. Musik dringt an meine Ohren, schnell und schrill wie ich sie noch nie vernommen habe, und meine "Entführer" singen mit. Nach einer Weile kommt das Gefährt zum Stehen und ich spüre wie mein Sarg ausgeladen und eine Treppe nach unten getragen wird. Dort wird er abgestellt und der Deckel wird erneut geöffnet, ich spüre wie sich eine junge Frau über den Sarg beugt. "Er ist verdammt gut erhalten und das nach vier Monaten." Vier Monaten, eher 80 Jahre, aber sie scheinen das nicht zu wissen. "Diese Abergläubischen, haben ihn einen Pflock durch das Herz gejagt." Ich spüre wie Hände den Pflock berühren und hin hinausziehen.

Wieder frei. "Laßt uns nun mit dem Ritual zum Rufen des Geistes beginnen, der Mond steht günstig, um mit Toten zu sprechen." Eine halbe Stunde mystisches Gefasel. Sterbliche, sie wissen gar nichts, aber die Stimme der Sprecherin strahlt Kraft und Überzeugung aus. Doch was ist das, ein Geschmack in meinem Mund den ich lange nicht mehr gespürt habe. Blut, frisches Blut mit einem leichten Alkoholgeschmack. Ich spürte meine Kraft zurückkehren und wollte mehr, doch ich halte mich zurück. "Wir bitten dich Sven Müller, komm zu uns!" Wer war dieser Kerl den sie riefen, egal. Die Kraft des Blutes sammeln und in Geschwindigkeit umwandeln. Es ist gut sich wieder zu bewegen, während ich in die Schatten im Raum laufe, verlöschen einige Kerzen. Im Raum befinden sich fünf Jugendliche, drei Männer und zwei Frauen in seltsamen Klamotten, Kerzen erhellen den Raum, der Sarg ist mit seltsamen Zeichen übersät. Die Augen der Sprecherin weiten sich, als sie feststellt, daß der Sarg auf einmal leer ist. "Er ist verschwunden!" "Du spinnst ja", hörte ich einen der Männer sagen, mit diesen Worten steht er auf und geht zum Sarg. "Er ist weg." "Was habe ich gesagt?" "Das ist unmöglich!" Ich hörte den Ruf des Blutes, seine Verlockung wird zu groß und das Tier in mir bricht los.

Die nächsten Sekunden sind wie ein Rausch, dem Ersten fliegt der Kopf in hohen Bogen von meiner Hand getroffen davon, die Herzen der anderen beiden halte ich in den Händen. Eines der Mädchen ist in Ohnmacht gefallen, nur die Sprecherin steht noch kreidebleich da. Das Tier in mir heult und ich beginne zu trinken die Kraft des Blutes strömt durch mich hindurch. Die Jahre der Starre sind vorbei, noch einmal passiert mir so etwas nicht.

Erfüllt von der Kraft des Blutes, schaffe ich es, die Kontrolle über das Tier zu erlangen. Ich sehe mich um, der Raum ist verwüstet, drei tote Körper liegen zerrissen am Boden, ein Mädchen am Boden und eines mit einem Kreuz in der Hand vor mir, nur noch wenige Kerzen brennen. "Verschwinde Satan! Weiche vor dem heiligen Symbol Gottes! Kehre zurück in die Hölle, aus der du gekommen bist!" Eine Kraft lag in dieser Stimme, die selbst einem Kainskind zur Ehre gereicht hätte. "Verlasse diese Welt!" Langsam wische ich mir das Blut vom Gesicht und sehe sie an. "Wen glaubst du mit deinem Glauben zu erschrecken?" Ihr Gesicht wurde noch blasser, sie trat einen Schritt zurück und wäre beinahe über einen ihrer Freunde gestolpert. Meine Geschwindigkeit nutzend lief ich hinter sie, half ihr stehen zu bleiben und begab mich zu meinem Platz zurück. Verwirrt sah sie sich um. "Was für ein Dämon bist du?" Sprach sie, während ihre Augen den Raum absuchten. "Das ich ein Dämon bin bezweifele ich. Eddi, mein Name und der Eure?" "Elvira... Elvira Sommer!" "Welches Jahr haben wir?" "61." "Welches Jahrhundert?" "1961." Das waren 82 Jahre, die ich "verschlafen" habe. Meine Gedanken kreisen und aus den Augenwinkeln heraus nehme ich eine Bewegung wahr. Das zweite Mädchen ist erwacht und hat es geschafft unbemerkt in meinen Rücken zu gelangen, ich bin wirklich aus der Übung. Zwei Fuß Stahl ragen aus meinem Bauch, eine lausige Zaunstrebe hat mich durchbohrt. "Das ist für Maik und Olaf, du Hurensohn!" Ich drehe mich um, ihre entsetzten Augen sprechen Bände als ich langsam die Strebe herausziehe. Das Tier in mir will sie töten, doch ich halte es zurück. "Wolltest du dich nicht auch vorstellen?" Erneut fällt sie in Ohnmacht.

"Töte sie nicht!", hörte ich Elvira´s verzweifelte Stimme hinter mir. "Warum sollte ich es nicht tun?" Ich nahm das Mädchen und legte sie in dem Sarg, dann sah ich zu Elvira. Zitternd stand Elvira da und trotzdem strahlte sie Würde aus, man konnte fast ihre Gedanken rasen sehen. "Ich weiß nicht warum du sie verschonen solltest, mir fällt nichts ein, was dich überzeugen könnte." Eine ehrliche Antwort und ich hatte Ausflüchte erwartet. "Was ist das für ein Gebäude, in dem wir uns befinden?" "Eine verlassene Hütte draußen vor der Stadt." "Laß uns hinausgehen!" Die kühle Nachtluft schlug mir entgegen, der Himmel sternklar und meine Augen fielen auf die Stadt, sie war gewachsen in den letzten 80 Jahren und hatte sich verändert. Ein seltsames Gefährt stand vor der Tür. "Was ist das?" "Ein Auto, wieso?" Interessant, die Menschheit hat sich also weiterentwickelt. Nun gut ich mußte also wieder lernen. "Du hast jetzt zwei Möglichkeiten erstens du stirbst, wie deine Freunde oder du begleitest mich. Solange du loyal bist, hast du nichts zu befürchten!" "Was wird aus Jana?" Jana? Ach ja, das andere Mädchen. "Was soll mit ihr sein? Sie wird dem Feuer, das gleich diese Hütte vernichtet, entkommen und eine wirre Geschichte erzählen." "Gut, ich werde dich begleiten, solange du sie verschonst." Ihre Stimme klang traurig und doch entschlossen, sie scheint zu glauben, das sie weiß worauf sie sich einläßt. "Fahren Autos immer noch mit Benzin?" "Ja." "Dann zapfe welches ab und verteile es in der Hütte." Widerspruchslos, begann sie es zu tun. Ich ging hinunter und warf mir Jana über die Schulter und verließ die Hütte. In sicherer Entfernung legte ich sie ab und begab mich zu dem Auto, setzte mich hinters Steuerrad und sah mich verwirrt um.

"Das Benzin ist verteilt." Schluchzend klang ihre Stimme und aus ihren Augen liefen Tränen. Nach kurzer Zeit hatte ich verstanden, wie man dieses Fahrzeug bedienen. Ein Feuerzeug in das Haus werfend, fuhr ich los, es ruckelte ein wenig. Im Rückspiegel sah ich die Hütte in Flammen aufgehen und ein Schatten erhob sich vor dem Gebäude, Jana war wieder zu sich gekommen. Vieles gab es, was ich wieder lernen mußte und wollte. Die Straße führte uns auf die Autobahn, die Musik aus dem Radio tönte und wir jagten durch die Nacht...

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