Engel - Ver(w)irrungen

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Nachdem das Mädchen, Eris hieß sie, es sich auf Arakiels Schultern bequem gemacht hatte, ließ er sich von ihr zum Haus ihrer Mutter führen, welche ihr Kind glücklich in die Arme schloss, nachdem Arakiel, den sie mit einigem Respekt betrachtete, das Kind abgesetzt hatte.

Taito betrachtete die Szene eher im Abseits stehend, und freute sich mit den Beiden, dass sie sich wieder gefunden hatten. Und gleichzeitig... war er ein wenig neidisch über das Glück dieses Mädchens, eine Mutter zu haben, die sie liebte und versorgte, auch wenn er sich gleich wieder für seine Gedanken schalt.

Halb von Tränen erstickt und entsprechend stockend erzählte das Mädchen die Geschichte, wie Arakiel sie ihr erzählt hatte, und die stellte ihn als den eigentlichen Helden dar! Dementsprechend verlegen war er auch, als die Mutter dann auf ihn zukam, sich bei ihm bedankte und dann gleich anfing, seine Wunden zu versorgen.

Taito war heilfroh, dass er sich da hinsetzen durfte, denn das lange Stehe hatte ihn doch angestrengt... Und die Kräuterfrau war sehr besorgt über den Zustand der Wunde, denn diese war zwar notdürftig gesäubert worden, aber sie schien sich dennoch Sorgen über seinen Zustand zu machen, zumal sie ihm leicht erhöhte Temperatur bescheinigte und Arakiel anwies zu beten, dass das nicht die Anfänge des Wundfiebers waren. Denn dann helfe nur noch beten.

Und Arakiel sah wirklich SEHR besorgt drein, während sie etwas aßen (Taito brachte nur ein paar bissen hinunter) und die Kräuterfrau gerade heraus erklärte, dass sie nicht bereit war, Taito gehen zu lassen, bevor sich nicht herausgestellt habe, ob er wirklich Wundfieber bekäme oder nicht. Und sie deshalb plane, Taito und Arakiel aus Platzmangel für diese Nacht in der Scheune einzuquartieren, so dass sie morgen weiterziehen könnten, wenn es ihm wieder besser ging.

Doch obwohl er sich zunehmend matter und auch etwas fiebrig fühlte, versuchte er sich so normal wie möglich zu geben, um die Anderen nicht unnötig zu beunruhigen.

Direkt am Haus der Kräuterfrau führte der Bach entlang, aus dem sie am Nachmittag getrunken hatten, doch hier floss er langsamer, und verbreiterte sich auf der Länge von etwa 10 Metern, so dass er einen kleinen Teich bildete, der an der tiefsten Stelle Hüfthoch war. Er war angewiesen worden, sich dort doch ausgiebig zu waschen, schließlich war der Matsch auch in sein Gewand geflossen, als er im Dreck gelegen hatte, und er sah dementsprechend aus. Aber das wollte Taito erledigen, sobald alle anderen schliefen. Zum einen wollte er sich selbst erst ein wenig ausruhen, zum anderen war ihm der Gedanke unangenehm, von Arakiel dabei beobachtet zu werden, wie er sich wusch... Aber das galt im Prinzip auch für jeden anderen. Nur bei Arakiel war da noch ein anderer Grund... aber so sehr Taito sich auch anstrengte, er konnte nicht ergründen, welcher das war, und so gab er sich geschlagen, legte sich so, wie er war, ins Heu und beobachtete aus halb geschlossenen Lidern die Tür, durch die Arakiel unweigerlich würde kommen müssen, nachdem er Eris für die Kräuterfrau ins Bett gebracht hatte (das Mädchen hatte so lange gequengelt, bis ihre Mutter schließlich zugestimmt hatte. Und Arakiel schien viel zu gutmütig, als dass er der Kleinen diesen Wunsch hätte abschlagen können).

 

Arakiel brachte das vom letzten Tag völlig aufgewühlte, aber todmüde Kind ins Bett. Eris wollte noch so viel wissen und fragen, doch ihr fielen dabei viel zu schnell die Augen zu und mit einem Seufzen schlief sie auch schon ein, kaum dass er ein paar Momente an ihrem Bett verweilt hatte. Noch einmal strich er sanft, fast sehnsüchtig über die leicht zerzausten Haare, dann stand er leise raschelnd auf. Tjula, Eris Mutter, lächelte ihn an und bedankte sich im Flüsterton, als er aus der kleinen Bettnische in der einräumigen Hütte trat. Er lächelte nur und wünschte eine gute Nacht, bevor er schließlich das winzige Haus verließ.

Der Engel seufzte leise, als er in die nur minimalst kühlere Nacht hinaustrat. Tief in seinem Inneren zog sich sein Herz zusammen, hätte er selbst doch auch so gerne ein Kind gehabt, um das er sich kümmern konnte. Arakiels Blick wanderte zum wolkenverhangenen Himmel. Seine Aufgabe bestand darin, das Leben aller Menschen zu bewahren und bis zuletzt tapfer im Kampf zu bestehen. Wie konnte er es sich da erlauben, an sich selbst zu denken?

Noch einmal schlich sich ein leiser Seufzer über seine Lippen, bevor er überaus leise und in leicht geduckter Haltung die Scheune betrat, die riesenhaften Schwingen eng an den Körper gezogen, um nicht doch irgendwo hängen zu bleiben. Taito schien bereits zu schlafen und lag mit leicht angezogenen Beinen im Stroh. Arakiel betrachtete ihn. Er wirkte so zerbrechlich, so allein. Taitos blasses Gesicht schimmerte fast weiß in dem Dämmerlicht, das ein fahler Mond hervorrief, der sich durch die kurz aufbrechenden Wolken drängte. In ihm regte sich ein Drang. Wie gerne würde er…

Ohne noch länger darüber nachzudenken, ließ sich der Gabrielit mit leise raschelnden Federn neben dem entspannt daliegenden Körper nieder. Seine Hand strich fast zögerlich über das heiße Gesicht und die noch immer vom Schlamm verklebten Haare. Über all die letzten Monate und Wochen, die sie gemeinsam verbracht hatten, war ihm dieser Mensch so sehr ans Herz gewachsen… Ja, er würde für dieses Geschöpf beten, Gott bitten, dass das Fieber zurückgehen und ihm nicht schon jetzt dieses junge Leben nehmen möge!

"Möge Gott dich beschützen, Freund meines Herzens.", flüsterte der Engel leise.

Noch etwas länger ruhten seine Augen liebevoll auf Taitos Gesicht, dann erhob er sich leise, ging zwei Schritte abseits und ließ sich kniend und mit leicht aufgestellten Flügeln zu Meditation nieder, um sich zu sammeln und dabei Gott mit seiner Bitte so nahe wie möglich zu sein. Seine Atmung wurde ruhiger, sein Herzschlag langsamer.

Eine ganze Weile schon kniete er so da und versuchte, seine Gedanken zu ordnen, als er eine Bewegung in Taitos Richtung wahrnahm, nur ein leises Rascheln im Stroh. Sofort war er hellwach und schaute besorgt zu dem jungen Novizen, der doch im selben Alter schien wie er selbst. Taito schein sich erheben zu wollen, sackte jedoch zuerst stöhnend wieder zurück, bis er einen neuerlichen Anlauf unternahm und leicht schwankend aufstand. Noch hielt Arakiel sich zurück, zu ihm zu eilen, auch wenn es ihn fast zerriss, seinen Begleiter so leiden zu sehen. Mit taumelndem Schritt lief der Fiebernde zur Tür und trat schließlich mit unsicheren Schritten ins Freie. Nun konnte Arakiel doch nicht mehr an sich halten und stand leise auf, um Taito mit langsamen Schritten zu folgen.

Doch schon in der Tür der Scheune blieb der Engel wieder stehen. Er wollte Taito nicht überall hin nach laufen. Nur eben so weit, um zur Stelle zu sein, wenn seine Hilfe gebraucht wurde. Taito lief schwankend und des öfteren stockend zu dem kleinen Bach, der gleich nahe der Scheune vorbeiströmte. Arakiel seufzte leise. Seit wann machte er sich so immens viele Sorgen um nur einen Menschen? Er wollte, dass vor allem diesem kranken Geschöpf nichts zustieß und das nagende schlechte Gewissen wegen der ihm zugefügten Wunde wurde immer beherrschender.

Als Taito schließlich das Ufer des kleinen Teiches erreichte, öffnete er plötzlich sein Gewand und ließ es achtlos zu Boden gleiten. Sein blass-weißer Körper schimmerte leicht im dämmrigen Mondlicht. Arakiels Herz machte einen Sprung und fing wie wild an, zu schlagen. Als hätte er Angst, ihn könnte jemand sehen, drückte sich der Engel noch etwas weiter in den Schatten des kleinen Tores, konnte seinen Blick jedoch nicht von dem marmornen Körper abwenden. Seine Gedanken rasten… Solche Dinge durfte er nicht denken! Er beruhigte sein Gewissen schließlich etwas, indem er sich immer wieder sagte, dass ihn die Sorge um seinen Schützling zu dieser Beobachtungsmaßnahme treiben würde.

Weitere zwei Schritte trat Taito in das seichte Wasser und ließ dort schließlich seinen Lendenschurz hinab gleiten. Er ging noch ein paar Schritte und setzte sich schließlich in das kühle Nass, wo er mit fahrigen Bewegungen und völlig ermattet, wie es schien, anfing, sich mehr schlecht als recht zu säubern.

Arakiel war hin und her gerissen, ob er dem Jungen nun helfen sollte oder nicht, doch die Schamesröte, die ihm mittlerweile im Gesicht stand und die Peinlichkeit seines sich selbst ertappenden Gefühls, hinderten ihn daran, zu Taito zu gehen. Doch der schien sichtlich immer mehr Probleme zu haben, sich auch nur aufrecht zu halten, während seine Hände einfach immer wieder den eigenen Körper mit Wasser benetzten, ihn aber nicht wirklich dabei säuberten. In dem Engel wurde der Drang, ihm zu helfen immer stärker, schob diese unkeuschen Gedanken aber dennoch nur mühsam beiseite. Und da war noch etwas: Wie würde Taito das Ganze dann verstehen?

Doch noch ehe er länger darüber nachdenken konnte, wurde ihm die Entscheidung sehr einfach gemacht: Während der Säuberungsaktion war Taito immer schwächer und scheinbar auch müder geworden und drohte nun, ganz langsam einfach nach vorne in den Teich zu kippen. Nun konnte Arakiel doch nicht mehr an sich halten und war mit einigen schnellen Schritten bei dem Fiebernden, um ihn gerade noch vor einem unsanften Aufprall im Wasser zu bewahren. Der schwache Körper glühte und hing schlaff in seinen Armen. Besorgt ging der Gabrielit vor Taito in die Hocke und rüttelte ihn leicht, um seinen Geist vielleicht doch wieder wach zu bekommen.

"Was ist mit dir?", wollte er leise und besorgt wissen.

Taito schaute Arakiel nur an, ohne ihn zuerst wirklich zu erkennen, doch nach einem kurzen Moment wurde sein Blick klarer.

"I... ich...", stammelte er müde.

Wieder schlug Arakiel das Herz bis zum Hals, doch nun vor brennender Sorge um den liebgewonnenen Menschen. Sorgsam und ohne weitere Zögern fing er an, den Schlamm und restlichen Dreck von dem zitternden Körper zu waschen. Ein erschreckter Ruck ging durch Taitos Körper, als er beschämt Arme und Beine anzog, um seine Blöße zu bedecken. Der Engel sah ihn an und lächelte sanft, während er weiter damit fortfuhr, den so zerbrechlichen und doch trainierten Körper zu reinigen.

"Du bist krank und noch immer etwas schmutzig, aber das haben wir gleich ... zumindest Zweiteres…", flüsterte er dem jungen Mann zu.

Der Junge verkrampfte sich zuerst etwas, schien sich schließlich aber doch sein Schicksal zu ergeben, da er sich nach und nach entspannte und sogar zufrieden aussah. Der Gabrielit ertappte sich bei dem Gedanken daran, ob er es wohl sogar genoss.

"Danke...", flüsterten die trockenen Lippen, als Taito sich dankbar und haltsuchend an Arakiel lehnte, während er sich vollkommen willenlos waschen ließ. Die erhitzte Haut des Gefährten auf der eigenen, nackten Brust brachten das Herz des Engels zum Rasen. Er lächelte verlegen und bemühte sich, in seinen Berührungen sachlich zu bleiben, was ihm aber nur schwerlich gelingen wollte. Ebenso schwer schien es zu werden, sich rein auf den abzuwaschenden Dreck zu konzentrieren. So verlegte er sich aufs Sprechen, um seine Gedanken und Gefühle nieder zu ringen. Da war noch immer die Sorge. Taitos Hitze war wie die Glut eines Kamins.

"Du brauchst mir nicht danken... Wir sollten lieber zusehen, dich so schnell wie möglich ins Warme zu bringen!"

War es Hoffnung, die tief in ihm aufkeimte? Taito schienen seine beinahe nervösen "Ausrutscher" gar nicht unangenehm... er schien eher etwas enttäuscht, wenn Arakiel sich ertappte und wieder anfing, seine säubernde Arbeit weiter zu vollenden. Als der ihm auf eine liebevolle Weise ergebene Körper schließlich von Taitos Sitzplatz auf einem Stein herunter noch näher an ihn heran rutschte, wollte der Engel fast keinen Zweifel mehr zulassen. Dennoch verbannte er jegliche Hoffnung wieder aus seinen Gedanken. ‚Er hat Fieber!’, redete er selbst in Gedanken auf sich ein, ‚Da ist man nicht mehr Herr seiner selbst!’

Und doch konnte Arakiel sich nicht davon abbringen, noch etwas über die blasse Haut des Novizen zu streichen, obwohl er doch schon sauber war. Er vergaß vor Glück schließlich sogar, sich dafür zu schämen, diese Berührungen zu tätigen, als Taito seinen Kopf erschöpft auf seine nackte Schulter legte und die Augen schloss. Ein heißes Feuer schoss durch seinen Körper, als er den warmen Atem des jungen Mannes an seinem Hals spürte…

Plötzlich erkannte er die Situation und war peinlich berührt von seiner eigenen Lasterhaftigkeit. Erst jetzt spürte er wieder, wie sehr Taitos Haut glühte und sofort packte ihn die Sorge um seinen Schützling. Er hob ihn vorsichtig aus dem Wasser. Leise seufzend legte Taito seine Hand um Arakiels Nacken, drängte sich eng an ihn und schien die Nähe wohl zu genießen, während ein verträumtes - oder war es ein fiebriges? - Lächeln um die trockenen Lippen spielte. Der Gabrielit dachte nicht länger nach, als er lediglich ein Ende seines Kampfrockes um Taitos nackte Lenden schlang und den Fiebernden so schnell es ging zum Haus der Kräuterfrau brachte, wo noch ein schwaches Licht zu erkennen war…

 

=== Wird fortgesetzt ===

 

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