Entscheidung

Corael (Raphaelitin)

 

Die andere Engel:

Zeratiel (Gabrielit) * Gansekiel (Ramielit) * Seduciel (Urielit)

 

Langsam zogen die Wolken unter ihr dahin, Corael stand auf der Flugplattform des Himmels der Gabrieliten und sah hinab auf die Stadt. Doch nichts war von diesem Moloch mit über einer Millionen Menschen zu sehen, die Wolken verdeckten sie. Es war an der Zeit, ihr Entschluß stand fest, jetzt mußte sie nur noch Gansekiel und Zeratiel finden. Sie öffnete ihre Flügel, nahm ein paar Schritte Anlauf und sprang ab, ein leichter Aufwind half ihr rasch an Höhe zu gewinnen, sie wollte zu einem Platz in der Nähe, an dem sie Zeratiel und Gansekiel vermutete. Zusammen waren sie schon ein paar Mal dort gewesen und hatten den Überblick über die Gegend genossen.

Nach kurzem Flug glitt sie langsam auf den Platz zu, auf dem sie Zeratiel und Gansekiel sah. Es schien, als würde der Gabrielit dem Ramieliten Kampfunterricht geben. Sie landete und beobachtete ihre Freunde still. Diese hatten ihr Kommen scheinbar noch nicht bemerkt, den sie setzten ihre Unterhaltung unbeirrt fort. "Ja.", hörte sie Gansekiel sagen, während er verzweifelt dreinschaute, "Na gut, dann versuch ich das ohne." Zeratiel lächelte ihn an, "Also schau her.", dann vollführte er eine Bewegung, die Corael nicht nachvollziehen konnte und Gansekiel schaute ebenfalls fragend. "Ja?" Geduldig erklärte es Zeratiel. "Wenn jemand sein Schwert unten hat, dann ist er eher oben anzugreifen, weil er die Waffe erst hochreißen muss..." Er wiederholte die Bewegung von vorher, dann zeigte er dem Ramieliten eine andere Attacke. "Bei mir wäre es zum Beispiel für mich schwer, wenn der Angriff im Endeffekt von der Seite ausgeführt wird, weil ich mich da zuerst immer wegdrehen muss."

Es war immer wieder interessant anzusehen, wie sich Gansekiel abmühte Kämpfen zu lernen. Seine Verbissenheit ließ ihn im Vergleich zu anderen seines Ordens wahre Wunder vollbringen. Aus dem Augenwinkel heraus sah Corael eine Bewegung und blickte in die Richtung der Bewegung. Die schnellen Flügel des Boten brachten Seduciel zügig näher, aber die Trainierenden hatten immer noch nur Augen für ihr Training "Hast du mal zugesehen, wie schnell du dein Schwert woanders hast?", stellte Gansekiel fest. "Nein, habe ich nicht.", antworte der Gabrielit und schaute ihn fragend an. "Egal, ich versuch es noch mal."

Dann schließlich sahen Gansekiel und Zeratiel Seduciel, welcher gerade zur Landung bei ihr ansetzte, und unterbrachen die Übungsstunde. "Salvete.", Seduciel benutzte die Sprache der Engel und Corael lächelte ihm an. "Kommt ihr her, um mich anzufeuern?", fragte Gansekiel, der Corael erst jetzt bemerkte und sie überrascht ansah. "Öhm.", kam es von Urieliten neben ihr, "Klar! Wozu denn?" Corael neigte ihren Kopf und Zeratiel erwidert stumm den Gruß. "Zeratiel hat noch nicht aufgegeben, aus mir einen Kämpfer zu machen." "Oha.", meinte der Urielit knapp und Zeratiel grinste dazu. "Hey, du bist schon nicht mehr so schlecht, wie am Anfang." "He, gegen mich hast du auch schon mal gewonnen, schon vergessen?", kam es von Seduciel. "Ja, da hab ich nicht gewonnen, sondern gemogelt.", meinte der Ramielit, "Außerdem... du bist Urielit." "Was soll das denn heißen?", empörte dieser sich sofort. "Na, dass du mit deinem Bogen ein Fernkämpfer bist." Seduciel atmete pfeifend durch seine Zähne aus und Gansekiel wartet darauf, dass Zeratiel ihm wieder Anweisungen gab. Eigentlich paßte es ihr gar nicht, das der Urielit auch noch aufgetaucht war, aber das würde nichts an ihrem Plan ändern, so stand Corael neben ihm und betrachtete das Schauspiel.

"Meinst du, wir sollten weiter machen?", fragte Zeratiel, welches Gansekiel sofort bejahte. "Okay, dann greif mich an, du wolltest es eben noch mal probieren." Der Gabrielit zeigte ganz offen eine Schwachstelle in seiner Deckung, welche auch Corael nicht übersehen konnte. Gansekiel schaute etwas verkniffen, aber konzentriert, scheinbar hatte er es bemerkt und für eine Finte gehalten. Er täuscht er vorher einen Angriff von der anderen Seite an und versucht dann unterhalb Zeratiels Schwertreichweite seine Flügel zu treffen, die leichter zu erreichen waren. Dieser bemerkte dieses Täuschungsmanöver zu spät und Corael sah nur noch, wie sich das Trainigsschwert des Ramieliten auf der Flügelgelenke zubewegte und es scheinbar voll traf. Zeratiel verzog das Gesicht, richtet sich dann wieder auf. Etwas verbissen meinte er, "Genau so meinte ich das." Gansekiel sah betroffen zu Boden. "Ich dachte, du bist... ähm, tut mir leid." Zeratiel rieb sich die getroffene Stelle und beruhigt den Ramieliten erst einmal. Corael hingegen wußte es besser. "Das sieht nach Arbeit aus.", brummelt sie und fragte dann lauter, "Brauchst du Hilfe, Zeratiel?" Aber er schüttelte den Kopf, "Hey, Kämpfen lernt man nicht ohne blaue Flecken. Aber diesmal hast du es sehr gut gemacht, Gansekiel." "Wirklich?" Der Gabrielit nickte lächelnd und klopfte Gansekiel anerkennend auf die Schulter, worauf hin dieser förmlich zu strahlen begann.

Corael lächelte und suchte sich einen Stein zum hinsetzen, sie mußte ein wenig nachdenken. Seduciel hatte sich einfach auf der Wiese niedergelassen und beobachte gedankenversunken die "Kämpfer". Schließlich hatte sie einen gefunden, groß und einladen, sie nahm Platz. Doch kaum verlagerte sie ihr Gewicht von den Beinen auf den Stein, begann dieser zu bröseln und fiel förmlich auseinander. Nun saß sie verwundert auf der Wiese und brummelte etwas, von nicht einmal den Steinen kann man mehr trauen und erhob sich wieder. ‚Das fängt ja gut an.‘

"Also, lassen wir es für heute darauf beruhen oder willst du weiter machen?" "Ich weiß nicht, Zeratiel, ehe ich dich grün und blau schlage.", er überlegte kurz, "Wisst ihr... vielleicht sollten wir an der Traumsaat üben." Zeratiel grinste und meinte scherzhalber, "Steht mir denn grün oder blau nicht?", dann wurde er wieder ernst. "Ja, wir sollten lieber gleich richtig kämpfen." "Hier draußen wimmelt es von diesem Viechzeug. Seduciel hast du welche gesehen?", fragte Gansekiel und der angesprochene schreckte auf. "Was? Wie? Wo?" Der Gabrielit schüttelte den Kopf, "Stimmt, gleich etwas weiter nordwestlich tauchen immer mal wieder welche auf." "Oh Seduciel, du bist ja schlimmer als ich.", stellte Gansekiel fest. "Stimmt... ähm ... Wieso?" "Du träumst, als würdest du auf deine alten Tage Ramielit werden wollen." "Soll ich?", fragte dieser verschmitzt, löste seinen Zopf und präsentierte seine nun offene Haarpracht, grinsend.

Corael beobachtete wie Zeratiel sich verstohlen die getroffene Stelle rieb. ‚So sind sie die Gabrieliten, immer die starken Engel. Kein Schmerz, keine Gefühle‘ Gansekiel entschuldigte sich abermals und der Urielit band seinen Zopf neu, während er zwischendurch von einem übermütigen Flügelstupser des Ramieliten unterbrochen wurde. Doch mehr als ein kurzes Hm war nicht von diesem zu hören. "Wo bist du?" "Weiß auch nicht." "Ich merke es." Zeratiel war scheinbar auch irgendwo, denn er schreckte fast etwas hoch und lächelt mehr in sich hinein. "He...manchmal hab ich halt Anflüge von Ramielismus.", scherzte Seduciel. "Was ist mit euch beiden?", fragte Gansekiel die beiden, "Seid ihr verliebt oder was?" Seduciel sah Zeratiel an, welcher kurz stutzt und um seine Beherrschung rang, dann wieder den Ramieliten. ‚Neugierig, wie immer.‘, dachte Corael bei sich und schaute weiter zu.

Sie würde die Beiden, naja eigentlich alle drei vermissen. "Neeee... nicht wirklich, Gansekiel." "Ihr benehmt euch, wie diese jungen Männer nach dem Erntefest." Zeratiel ignoriert diese Bemerkung und versucht, schwer mit einem Flügel beschäftigt auszusehen, während der Urielit wieder pfiff. "Ist doch wahr!", meinte Gansekiel. "Wie benehmen sich denn diese jungen Männer nach dem Erntefest?" "Ähm ... die stehen auf dem Feld rum und sollten arbeiten und plötzlich sehen sie in den Himmel und träumen ihrer Liebsten nach ..." "Pah.", kam es von Seduciel und Gansekiel sprach weiter. "Wenn man sie anspricht, hören sie es nicht und dafür hacken sie sich dann mit der Hacke ins Knie." "Öhm ... gut dass ich keine Hacke habe und meiner Liebsten trauere ich auch nicht nach." "Aha, ich sagte träumen, nicht trauern. Was ist passiert, Seduciel?" "Ähm ... nix." "Lüg nicht." Corael, die dem Gespräch bisher nur schweigen gefolgt war, warf plötzlich ein, "Warum dürfen wir eigentlich nicht lieben?", was aber keiner bis auf Zeratiel bemerkte und zusammenzuckte. "Ich lüge nie!" Der Gabrielit räusperte sich übertrieben, während Corael mit einer Blume zwischen ihren Fingern spielte.

"Hey, ist da hinten nicht eine Traumsaat?", fragte Zeratiel und mit einem Mal verstummten alle Gespräche. Alles schauten in die Richtung, in die er zeigte, die Raphaelitin sprang auf und Seduciel hob seinen Bogen. Schließlich war es an Corael, das Schweigen zu brechen. "Nicht, das ich auch nur eine kleine Kreatur des Herrn der Fliegen sehen würde." "Seduciel, ist da was?", fragte Gansekiel und der Urielit riß seine Augen auf, schaute und spannte noch im selbem Moment seinen Bogen. Zeratiel hingegen war erleichtert, das diese Gespräch erstickt war. "Was ist denn da?", kam es nervös von Gansekiel, "Jetzt macht keine Witze." Seduciel blinzelte und schaute noch einmal. "Verdammt. Ich muß mich geirrt haben." "Was, Seduciel?" Dieser stand etwas verlegen in der Gegend herum, "Da sind wohl zwei Blätter vom Wind umgedreht worden ..." Diese Beiden – Corael warf ihnen einen bösen Blick zu – hatte einfach nur Panik verursacht, aber im Stillen dachte sie besser einmal zuviel, als einmal zu wenig. " ... und mit ein bisschen Phantasie werden sie zu Augen." "Was habt ihr beiden?", fragte Corael laut und bemerkte wie Zeratiel den Urieliten anlächelte, aber nichts auf ihre Frage antwortet. Statt dessen ergriff Gansekiel wieder das Wort, "Also, JETZT glaub ich es, Sedi ... Ich glaub, du bist verliebt." Etwas verwundert sah sie von dem Ramieliten zu dem Angesprochenem und zurück, aber die gebrummelte Reaktion war viel zu eindeutig, scheinbar hatte Gansekiel recht. Zeratiel begann währenddessen die Trainingswaffen zusammenzupacken und schnürte sie wieder zu einem Päckchen, welches man beim Fliegen leicht tragen oder am Gürtel befestigen konnte.

Seduciel ließ sich wieder auf den Boden sinken und seufzte. "Jetzt komm. Erzähl es mir, ja?" "Gansekiel, nun laß ihn doch...", kam es vom Gabrieliten, als es sich Corael auch wieder hinsetzte, das würde wohl länger dauern. Sie kramte eine Amphore aus ihrem Beutel hervor, betrachtete lächelnd die Zeichen darauf und öffnete den Deckel. Vorsichtig, um nichts von dem kostbaren Inhalt zu verschütten und roch daran, dann hielt sie hoch und bot sie den Anderen an, aber keiner nahm davon Notiz. Sie nahm selber einen Schluck, verschloss die Amphore und ließ sie wieder in den unergründlichen Tiefen ihrer Taschen verschwinden.

Seduciel wandte sich gerade ab und Gansekiel versuchte ihm im Hinterhergehen zu beruhigen. "Hey, was soll das denn?" Der Urielit blieb stehen und seufzt wieder, "Was soll was? Das ich traurig bin?" "Du rennst weg. Hör mal, du kannst mir das doch erzählen ..."

Vom Gespräch was dann zwischen den Beiden stattfand bekam Corael nur noch Bruchstücke mit, sie hatte sich erhoben und war zu Zeratiel gegangen, welcher zu den Beiden hinübersah. Ihm wollte sie es jetzt offenbaren.

"... sie war...in dem Sinne...wohl eine Ketzerin", kam Seduciel Stimme an ihr Ohr.

Corael atmete durch und begann vorsichtig das Gespräch, "Im Himmel hätte so was nicht gesagt werden dürfen." "Nein.", flüstere Zeratiel zurück. "Wie geht es deinem Flügel, laß mich mal schauen." Corael berührte den Flügel des Gabrieliten dieser zuckt kurz zurück, als wäre er in Gedanken gewesen, und schaute sich die Wunde an, dann begann sie ihre heilenden Kräfte auf die Wunde zu konzentrieren.

"... Gral ..."

Coraels Konzentration schwand bei diesem Wort und die Wirkung begann sich ins Gegenteil umzukehren. Zeratiel keuchte auf und wich erschrocken zurück. Erst jetzt bemerkte sie erschrocken, was sie da tat. Die Wunde hatte sich vergrößert und nun auch geöffnet. Ein Schmerzenslaut kam über Zeratiels Lippen, welcher sich an seinem Schwert festkrallte, und er wich vor ihr zurück. Entsetzen war in seinen Augen zu sehen. Scheinbar ließ, die von Corael geöffnete Wunde Erinnerungen an den jungen Gabrieliten, den sie bei einer Mission versuchten zu retten und den sie mit ihrer Macht zurück in den Himmel geschickt hatte, Asche zu Asche. Sie versuchte an seinem Flügel zu bleiben, aber er entzog ihn ihr. "Was tust du?", fragte er keuchend und sie antwortet mit hochrotem Kopf, "Seduciels Worte haben mich abgelenkt, aber diese Mal wird es klappen, jetzt weiß ich worüber sie reden." Zeratiel besah sich seine Wunde und schaute dann entsetzt Corael an, welche verlegen mit dem Fuß scharrte, "Was für ein Raphaelit bist du eigentlich?" "Eine, die sich durch solche Worte aus der Ruhe bringen läßt.", deutlich war zu hören wie sehr sie sich für ihr Getanes schämte, "Darf ich es noch mal versuchen, weil so kannst du nicht fliegen." Zeratiel zögerte, schluckte noch einmal und versuchte, sich zu entspannen, "Na... na gut." Corael trat wieder zu ihm und berührte die verletzte Stelle, was der Gabrielit mit einem Zurückzucken quittierte. ‚Eigentlich wollte ich ihm etwas sagen und nicht ihn verletzen.‘, dachte sie bei sich und atmet durch, dieses Mal würde sie sich durch nichts ablenken lassen. Zeratiel hielt währenddessen den Atem an und beobachtete jeder ihrer Bewegungen.

"Entschuldige noch einmal.", flüsterte Corael dem Gabrieliten zu, "Ich glaube ich werde alt." Dieser lächelte schon wieder, als er spürte, dass es seinem Flügel wieder gut ging, "Ich glaube, das werden wir alle...", aber Corael sah wie er, je weiter er den Satz aussprach, immer ernster wurde, " ...leider." Corael ließ diese Erkenntnis Zeratiels bitter auflachen. Jetzt hielt sie den Zeitpunkt für gekommen. "Zeratiel, ich werde dir jetzt mein größtes Geheimnis zu Füßen legen.", sie griff in ihre Taschen und holte eine kleine Schatulle hervor, während sich dieser sich ihr ganz zuwandte. Corael betätigte einen versteckten Mechanismus und der Boden des Kästchens löste sich. Der Gabrielit sah sie verwundert an, "Du willst dich mir wirklich offenbaren?" "Irgendwen, will ich es sagen, es muß sein." "Ich werde es niemanden verraten. Das verspreche ich." Nach diesen Worten wickelt Corael ein kleines Foto aus, welches ein kleines Mädchen zeigt, das ziemliche große Ähnlichkeit mit ihr hat und gibt es Zeratiel. Verwundert betrachtet dieser das Foto und blickt immer wieder zwischen dem Bild und Corael hin und her. "Du...du meinst?"

"Hallo ihr zwei.", auf einmal war Gansekiel wieder da. "Was habt ihr denn schönes?" Sie sah wie auch Zeratiel, genau wie sie erschrocken zusammenzuckte und noch geistesgegenwärtig das Foto verbarg. Mit einem Satz war sie auf den Beinen und fauchte Gansekiel mit funkelnden Augen an. "Schleich dich nie wieder am mich ran." "Tschuldigung.", kam es von diesem kleinlaut zurück und Zeratiel versuchte die Situation zu entspannen, "Wir haben geredet, ebenso wie ihr." Die Raphaelitin sackte zusammen und begann im Schutz ihrer Flügel das Bild, welches ihr der Gabrielit wieder zugesteckt hatte, wieder zu verpacken, als sie damit fertig war sah sie hinter ihrem Flügel hervor – Der Ramielit war noch da, aber Urielit verschwunden – und entschuldigte sich bei Gansekiel. "Naja, ich dachte halt ihr habt was Interessantes. Ist wohl nicht mein Tag heute... von einem Fettnapf in nächsten." Corael versuchte ihn anzulächeln und Zeratiel verkündete stolz, "Hey, aber mein Flügel ist wieder in Ordnung. So schlimm war es wirklich nicht." Ganz unengelhaft knuffte er Gansekiel in die Seite, "Nun grummel nicht rum." "Ach kommt schon, ist doch wahr ..." "Hey, deine Neugier ist nun mal dein schlimmster Feind, aber das gehört ja zu euch Langhaarigen.", offenbarte Zeratiel dem Ramieliten seine Meinung, frech grinsend. "Eh, was soll das heißen?", empörte dieser sich.

"Ich glaube, ich werde nicht mehr lang da sein ...", flüsterte Corael in das Gespräch der Beiden hinein, aber Gansekiel hatte es trotzdem vernommen, "Was?" Zeratiel schaute Corael erschrocken an, "Wie meinst du das?" Ihre Kehle wurde trocken, jetzt war es raus. "Nun sag schon.", bedrängte sie Zeratiel mit seiner freundlichen, einfühlsamen Art und sie sprach leise weiter, "Ihr seit die besten Schargefährten, die ich hatte ..." "Eh, was ist denn nun los?", fragte Gansekiel verwirrt. "Aber ... was meinst du damit?" "... Ich werde nicht mehr zurückkehren ..." Ein Träne begann sich über Coraels Wange den Weg nach unten zu suchen. "... Ich bin hier, um mich von Euch zu verabschieden." "Jetzt red doch nicht so, meinst du wirklich dass es jetzt schon Zeit ist?" Doch sie schüttelt den Kopf, "Ich werde keinen Himmel und kein Kloster jemals wieder betreten."

Lange hatte sie überlegt, ob sie es ihnen sagte, denn damit das sie ihnen dies sagte, machte sie diese zu Mitwissern. Eigentlich hätte es der Ramielit sofort dem Himmel mitteilen müssen und der Gabrielit hätte sie töten oder zumindest Kampfunfähig machen müssen, aber die Beiden taten es nicht. Corael hatte sie also richtig eingeschätzt, diese beiden waren ihre Freunde.

Zeratiel begann wieder leise, "Corael, willst du etwa...?" Sie schluckte und Gansekiel stand völlig verdattert in der Gegend herum. In den Augen Zeratiels konnte sie Entsetzen sehen und langsam bewegte sie sich zwischen die beiden. Langsam hob sie ihre Arme um ihre Freunde zu berühren, doch dann ließ sie diese rasch wieder sinken. "Nein. nicht auf diese Weise." Sie spürte wie starke Hände nach ihren Schultern griffen, "Hast du dir das auch gut überlegt?" Sie hob den Blick und schaute Zeratiel in die Augen, "Was kann mir noch geschehen. Ich weiß, wie wir enden ... Und was viel schlimmer ist, ich weiß was sie uns genommen haben ..."

Zeratiel schluckte bei diesen Worten schwer und von Gansekiel kam wieder ein verständnisloses "Um was geht’s denn jetzt überhaupt?" In den Augen des Gabrieliten flammte Verständnis auf und ihre Augen füllte sich mit Tränen. Leise begann sie wieder zu sprechen, "Engel weinen nicht, weil sie es nicht verstehen, die meisten zumindest ..." Zeratiel zog sie zu sich heran und schloß sie ganz unengelhaft in die Arme und hielt sie einfach freundschaftlich fest, welche den Griff klammernd erwidert. "Sagt mal, was ist denn los? Erklärt mir einer was? Sind denn hier alle verliebt?" "Sie ... will gehen ...", hörte sie leise Zeratiels Stimme und schaute zu Gansekiel. " ... weit weg und nie mehr zurück kommen." "Gansekiel, wenn ich dir das erkläre, sinkst du noch tiefer ..." "Was? Warum denn, wieso willst du weg? Du hast doch deine Aufgaben, du kannst doch nicht weggehen?" "Meine Aufgaben hat man mir genommen, als ich die Flügel bekam ...", langsam löste sie sich aus der Umarmung des Gabrieliten, "Entschuldige, das ich dich damit belastet habe." "Du hast mich nicht belastet." "Ähm, wieso magst du deine Flügel nicht Corael?" Corael sah Zeratiel in die Augen und dieser wußte, dass sie mehr als nur entschlossen war.

Sollte sie nun auch Gansekiel das Bild zeigen, oder sollte sie einfach gehen und ihn mit seinem Fragen allein lassen, aber dann würde er nachforschen und suchen und sie so vielleicht verraten. Die Schatulle war immer noch in ihrer Hand, welche sie nun wie von selber öffnete. Der Blick von Gansekiel schien die Kiste förmlich zu durchbohren und als sie das kleine Fach öffnete, schienen sich seine Augen vor seinen Kopf bewegen zu wollen. Mit einem traurigen Lächeln reicht sie dem Ramieliten schließlich das Bild. Dieser schaut es sich an, befühlt es und scheint es zu verschlingen. Zeratiel seufzte und wandte sich um, scheinbar wollte er die Umgebung im Auge behalten, um vor eventuell weiteren Überraschungen sicher zu sein.

"Das ist ein schönes Bild, kannst du dich daran erinnern?" Corael schüttelte den Kopf, "Als ich es bekam sah ich dem Bild zum verwechseln ähnlich." "Und was denkst du darüber?", bohrte Gansekiel nach, "Ich bekam es von einer Frau zugesteckt, die mir heute sehr ähnlich ist und sie nannte mich Cora." "Oh." "Ich glaube, sie war meine Mutter." "Ja, das ist gut möglich. Sie ist sicher stolz auf dich." "Sie war traurig, als sie mich sah." "Hm, vielleicht ... vermisst sich dich eben?" Corael mußte sich abwenden und starrte in die Ferne, "Ich weiß es nicht." "Vielleicht hast du Geschwister?" "Nein, ich war das einzige Kind. Ich spüre unbändigen Hass in mir – jedes Mal wenn ich Kinder sehe und wenn ich sie später wiedersehe – auf die Kirche." Ganz leise fügte sie hinzu, "Vielleicht werde ich ihr noch eines schenken." Sie hört wie Zeratiel seufzte und vermutete, dass er gerade einen harten Kampf in seinem Inneren mit sich ausfocht. "Hm ... weißt du, ich glaube es hat einen Sinn dass du ein Engel bist." Corael überlegte, "Welchen? Für sie zu kämpfen und schließlich für sie ins Feuer zu gehen?" "Denkst du nicht, dass du als Engel mehr tun kannst?"

"Für die Menschen ja, für die Kirche nein.", stellte sie traurig fest. "Ja, dann tu es für die, für die Leute die auf dem Feld stehen und das essen anbauen und die sich nicht gegen die Traumsaat wehren können." Corael zögerte, doch die nächste Antwort folgte sehr leise und verzweifelt, "Ich will nicht mehr in einer Schar fliegen, denn jede Schar, der man mich jetzt noch zuteilen wird, könnte mich vielleicht in den Tod führen, einen ohne Sinn und Ziel, nur um uns verschwinden zu lassen oder sie schicken mich zur Läuterung."

Corael dreht sich wieder herum und sah Gansekiel in die Augen, sie wollte ergründen wie er dachte. Er sah betroffen aus, scheinbar hatte es ihn noch niemand in dieser Klarheit gesagt. Und Zeratiel, was war mit ihm? Schweigend sass er auf seinem Felsen, aber an seinen Reaktionen sah sie, das er nicht unbeteiligt war. "Ich will noch nicht sterben.", ihre Stimme wurde immer leiser, "Ich will Kinder haben, wie jede andere Frau ..." Gansekiel riß die Augen auf und Corael sah, wie der eine Schock von eben noch nicht verblaßt war und schon der nächste in ihn einschlug. "Das ... kannst du nicht.", protestierte er und forderte sie damit nur noch mehr heraus. "Wieso sollte ich es nicht können, diese Kraft wurde mir gegeben." "Aber ... also ... das geht nicht ..." "Wieso, Gansekiel, sag es mir?" Nur ein Seufzen war von Zeratiel zu hören, sonst nichts. "Öhm ... also ... ich weiß nicht ... aber ... aber ich weiß dass kein Engel jemals zuvor ... Kinder hatte." Sie sah an seinen Augen, dass er wußte das diese Argumente nicht ziehen würden und antwortet mit Tränen in den Augen, "Dann werde ich der Erste sein."

Corael kniete sich hin und berührte mit ihren Händen ihren Bauch. Sie war entschlossen. "Eh ... halt mal ...", stotterte Gansekiel und irgend etwas in ihr zögerte und wollte wissen was der Freund sagen würde. "... ähhh ... hör mal ... " Sie sah seine verzweifelten Blicke und sprach weiter, "Ich habe so vielen Frauen gestattet wieder Kinder zu bekommen, warum sollte ich es nicht selber dürfen? Nenn mir einen guten Grund..." Erwartungsvoll sah sie ihn an. "Ich ... ich ... dann ... also ... ich meine ... Gott will das nicht.", flehte er sie stotternd an und sie sah wie er ihr Bild langsam immer mehr drückte. Sanft griff sie seine Hand, öffnete sie mit vorsichtigem Druck, damit er das Bild losließ, und nahm er wieder an sich. Sie wollte nicht, dass er es in seiner Hilflosigkeit zerstörte. Traurig sah sie auf das Mädchen, welches ihr aus dem Bild entgegenlächelte. "Du ... ich meine ... wie willst du ... also ... es hat vielleicht keine Flügel." "Die Flügel haben uns unsere Kindheit genommen, Gansekiel. Es wird keine Flügel brauchen." "Aber ... aber es kann dann nicht fliegen ... du kannst ihm doch nicht... DAS wegnehmen." Corael lächelte mit verweinten Augen, "Wenn es keine Flügel hat, kann ich sie ihm auch nicht wegnehmen."

Zeratiels Stimme mischte sich wieder leise ins Gespräch ein, "Dann wird es auch nie das durchstehen müssen, was man uns zumutet..." "Aber... wieso jetzt du auch noch?", er schien zu verzweifeln, sein bester Freund hatte gegen ihn gesprochen, seine Augen sagten es, "Wollt ihr keine Engel sein?" "Doch, ich bin es gerne, aber ..." "Also... ich bin gerne Engel.", meinte Gansekiel. Corael sah zu Zeratiel, welcher gerade den Kopf hob und den Ramieliten traurig anlächelte, "Es geht nicht darum, dass wir Engel sind, sondern wie wir es sind ..." "Stellt euch vor, was ich vielleicht sonst wäre? Reisbauer? Schweinehirte? Und dann kommt ein Traumsaatüberfall und ich sterbe irgendwo auf meinem Feld und sie bringen meine Kinder um..." "Das ist der einzige Grund, warum ich weiter mache. Nur, um diese Kinder zu schützen."

Diese Worte fraßen sich langsam in Coraels Geist ... Kinder ... Nur, um diese Kinder zu schützen ... Sie sah von dem Gabrieliten zu ihrem Bild, hin und wieder zurück, immer wieder ... Kinder ... Nur, um diese Kinder zu schützen ...

"Es sind die Kinder, die ich beschützen will. Ich will ihnen ein Leben in Frieden ermöglichen ... ohne Angst.", drangen die bestimmt gesprochen Worte zu ihr vor und ihre Augen begannen zu leuchten. "Und jeder Tag, den ich an einem Ort verschwende, um auf meine nächste Schar zu warten oder den nächsten Auftrag zu bekommen, zerfrisst mich innerlich... und ich habe Angst." Gebannt lauschte Corael seinen Worten. "Ich hab auch Angst ... na und? ... ALLE haben das.", entgegnete Gansekiel. "Angst vor dem, was sie tun werden ..." "Die Bauern, genauso wie wir." "Nein, nicht vor der Traumsaat." "Vor was dann?" "Vor ... dem Ende ... ich will nicht ...", er seufzte aber beendete den Satz nicht, "Daher versuche ich, Himmel zu meiden ..."

"Traumsaat ist, auf ihre Weise, ehrlich ... bei ihr weiß man voran man ist...", flüstert Corael und Gansekiel wußte nicht, wenn von ihnen Beiden er jetzt entsetzter anschauen sollte, "Der Herr der Fliegen verdirbt viele Herzen, bei ihm weiß man NIE woran man ist." Sie richtete sich auf und wischte ihre Tränen beiseite und gewahrte noch die Worte des Ramieliten, "... und außerdem... haben wir gar keine Wahl."

Corael hatte ihre Entscheidung getroffen, sie hob ihren Kopf und richtete sich zu voller Größe auf "Für die Kinder werde ich wieder fliegen, für sie und alle die ihre Träume nicht verloren haben." Ein Seufzen von Zeratiel verriet, das er wußte, was ihre Worte bedeuteten. Leise fügte sie noch hinzu, "Und wenn sie mich holen, werden sie mich nicht bekommen ... wenn sie mich nicht gehen lassen ... Asche zu Asche!"

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